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DER SEILTÄNZER
alle Zeiten lehrreich, festzustellen, daß kein politischer Entschluß, keinediplomatische Demarche des größten deutschen Staatsmannes bei der deut-schen öffentlichen Meinung stärkeren Anstoß erregt hat, keiner seiner diplo-matischen Schachzüge von allen freisinnig und fortschrittlich Gesinnten inDeutschland bitterer kritisiert worden ist als die Konvention, die der Aus-gangspunkt für die Siegesstraße wurde, die über Sadowa und Sedan nachParis führte. Nur zwei Stimmen: In der Debatte, die im Februar 1863 imPreußischen Abgeordnetenhause über die von einem Polen , dem Abgeord-neten Kantak, eingebrachte Interpellation stattfand, erklärte der HberaleAbgeordnete von Sybel, später von allen deutschen Historikern wohl dereifrigste Panegyriker der Bismarckschen Politik: „Wir haben, meineHerren, den dringendsten Grund zum Protest gegen eine Politik, welcheuns aus freien Stücken mit der Mitschuld an einer kolossalen, von ganzEuropa mit sittlicher Empörung betrachteten Menschenjagd belastet,welche eine in den polnischen Wäldern glimmende Insurrektion ohne Notzur europäischen Frage umschafft, und, da das einmal geschehen, dannnach der Natur der Verhältnisse die Wucht dieser europäischen Frage zumgrößeren Teil von den Schultern Rußlands hinweg und auf unsere eigenenSchultern hinüberwälzt, eine Politik, welche alle diese maßlosen Opfer ohnedie Spur einer Aussicht auf eine anderweitige Entschädigung bringt." Undder Abgeordnete Simson, der 1871 als Präsident des Reichstages der Ver-kündigung des deutschen Kaisertums in Versailles beiwohnen sollte, fällteam 28. Februar 1863 nachstehendes Urteil über den damaligen Minister-präsidenten von Bismarck : „Ich verlange nicht, meine Herren, denn dasVerlangen wäre ein übermäßiges, daß eine Regierung allezeit den kühnenFlug des Genies einzuhalten imstande sei. Mehr gerechtfertigt wäre schondie mildere Forderung, daß sie den ruhigen, sicheren Gang des Talents undder Erfahrung zu gehen verstünde. Aber in jedem Fall wird die Bewunde-rung dafür, daß jemand nicht fällt, die Bewunderung, die man jedem Seil-tänzer würde zuwenden müssen, eine Bewunderung sein, nach der nichtjedermanns Gaumen und Appetit stände." Ich gestatte mir hierzu die be-scheidene Zwischenbemerkung, daß auch ich, namentlich während derletzten Jahre meiner Amtsführung, als diplomatischer Seiltänzer vonmanchen Kritikern angegriffen wurde, die später des Vertrauens und desLobes voll waren für den sicheren und soliden Gang der auswärtigen Politikdes ehrenwerten und zuverlässigen Kanzlers von Bethmann Hollweg.Selten oder nie ist ein Minister heftiger angegriffen, ärger geschmäht wordenals Bismarck nach dem Abschluß der eben erwähnten preußisch-russischenKonvention. Bismarck Heß sich aber nicht irremachen und seine frommeFrau auch nicht, die sich in jenen für sie und ihren Mann schweren Tagenmit dem alten Herrnhuterliede tröstete: