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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE FEUERPROBE

nicht der Zar von Rußland, sondern der König von Polen herrsche. (Bravoin der polnischen Fraktion.) Welcher Anlaß war bei der so plötzlich auf-tauchenden polnischen Verwicklung für unsere Regierung, für eine positive,fruchtbare, schöpferische Politik eröffnet! Wenn unser Ministerium diesepolnische Sache selbst in die Hand nahm, mit dem redlichen Willen, endlichdiesen Stachel aus der Ferse Europas herauszuziehen, endlich diese alteeuropäische Wunde schließen zu helfen, welche Stellung hätte es dann inEuropa und im eigenen Lande eingenommen!" Das war der Geist, in demein halbes Jahrhundert später Theobald Bethmann und Gottheb Jagowunter dem Beifall politischer Ideologen wie Hans Delbrück und FriedrichNaumann Polen wiederherstellten und damit den größten Fehler begingen,den nach und neben dem Ultimatum an Serbien deutsche Politiker je be-gangen haben.

Durch die bereits erwähnte geniale Emser Depesche hatte Bismarck imInnern den Furor teutonicus entfesselt und eine einheitliche deutscheKampffront hergestellt. Nach außen verließ er sich darauf, daß der anseiner empfindlichsten Stelle, in der Polnischen Frage, von der WienerRegierung froissierte Zar es den Österreichern nicht gestatten würde, demgegen den alten Beschützer der Polen, die Franzosen, kämpfenden Preußen in den Rücken zu fallen. Das hoffte Bismarck um so mehr, als der KaiserAlexander II. während des Besuchs, den er im Juni 1867 der Pariser Welt-ausstellung abstattete, auf französischem Boden von polnischer Seiteroh beleidigt und lebensgefährlich bedroht worden war. Als der Zar am4. Juni das Palais de Justice, eine der Sehenswürdigkeiten von Paris , be-sichtigte, trat ihm dort ein bärtiger junger Mann in den Weg mit dem Ruf:Vive la Pologne, Monsieur!" Dieser gesinnungstüchtige Rüpel, wie HeinesAtta Troll ein Sohn der Pyrenäen , war der in dem malerischen StädtchenSaint-Jean-de-Luz geborene, damals noch nicht vierzigjährige AdvokatCharles Floquet . Er ist einundzwanzig Jahre später französischer Minister-präsident geworden, aber allerdings erst, nachdem er, der zur Unzeit Männer-stolz vor Königsthronen markierte, vor dem Botschafter des Zaren in Paris de- und wehmütig Abbitte geleistet hatte. Ermutigt durch Floquet, schoßvierzig Stunden später, am 6. Juni 1867, bei Gelegenheit der großen Revueim Bois de Boulogne der Pole Berezowsky auf Alexander II. Paris undFrankreich waren dem Russenkaiser gründlich verleidet worden.

Im Juli 1870 zeigte sich, wie weise Bismarck gehandelt hatte, als erPreußen vier Jahre früher seinen alten König nicht ohne Mühe bewogen hatte, aufund Bayern a j] e Gebietserweiterungen in Süddeutschland zu verzichten und statt dessenmit den süddeutschen Staaten für den Fall eines Krieges Schutz- und Trutz-bündnisse abzuschließen. Sie haben die Feuerprobe bestanden. Zweifelhafterschien die Sache anfangs nur in Bayern. Die Entscheidung gab der junge