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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE BAYRISCHE PATRIOTEN-PARTEI

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Köllig Ludwig II., der mit demselben hochherzigen Idealismus, mit demer nicht lange vorher dem größten deutschen Komponisten, Richard Wag-ner , die rettende Hand gereicht hatte, jetzt den Casus foederis anerkannte,unbekümmert um das Toben der ultramontanen und demokratischenBlätter, die sich auf das heftigste gegen einen Krieg an der Seite Preußens wandten. Die Bevölkerung von München brachte dem edlen Fürsten fürseinen patriotischen Entschluß stürmische Huldigungen dar. Gleichzeitigfanden in Nürnberg großartige Demonstrationen in nationalem Sinne statt.Einen harten Kampf gab es noch in der Zweiten Bayrischen Kammer, derenMehrheit aus verbissenen klerikalen Partikularisten bestand, die sich (lucusa non lucendo!)Patrioten" nannten. Fürst Chlodwig Hohenlohe , alsBotschafter in Paris mein Chef, als Reichskanzler mein Amtsvorgänger, hatmir mehr als einmal anschaulich den Verlauf der entscheidenden Sitzungin der Zweiten Bayrischen Kammer geschildert, der er in der Loge derReichsräte beigewohnt hatte. Der Sonderausschuß der Zweiten Kammerhatte sich mit sieben gegen zwei Stimmen für die Ablehnung der Regie-rungsvorschläge (Bewilligung eines außerordentlichen Kredites von 5,6 Mil-lionen Gulden für die Mobilmachung des bayrischen Heeres) entschiedenund mit sechs gegen drei Stimmen für bewaffnete Neutralität. DieserBeschluß wurde von dem Abgeordneten Jörg vertreten, dem Führer der JörgPatrioten" und Herausgeber derHistorisch-Politischen Blätter".

Jörg verstieg sich schon im Eingang seiner Rede zu der Behauptung, derStreit zwischen Preußen und Frankreich liege außerhalb des Gebietes deut-scher Integrität und Ehre. Die ganze gegenwärtige Verwicklung sei auspreußischer Hauspolitik hervorgegangen. Auf der ersten Bank der Liberalensaß der damals kaum vierunddreißigjährige Reichsfreiherr von Stauffen-berg. Er entstammte einem Geschlecht, das vormals zu der reichsunmittel-baren Ritterschaft in Franken und Schwaben gehört und schon bei denHerzögen von Alemannien das Erbschenkamt bekleidet hatte. Er war aberein Edelmann nicht nur der Abstammung nach, sondern auch in derGesinnung. Als der Jörg so sprach, da erhob sich der Reichsfreiherrvon Stauffenberg, spuckte aus und drohte dem vaterlandslosen Gesellen mitder Faust, indem er ihm das WortBube" zurief. Unbekümmert fuhr derim Ehrenpunkt augenscheinlich nicht besonders empfindliche Jörg fort,Preußen könne im Falle einer französischen Invasion, auch wenn es wolle,Bayern gar keinen Schutz gewähren. Es wolle aber auch Bayern gar nichtschützen. Mancher glaube sogar, daß Preußen Bayern absichtlich wehrlosmachen wolle, um es dann in Ruhe zu verspeisen. Dagegen habe der HerrHerzog von Gramont feierlich erklärt, das edle Frankreich wolle keinenFußbreit deutschen Bodens erwerben, und insbesondere sei es bereit,Bayern den Besitz der Pfalz zu garantieren. Als Jörg mit erhobener Stimme