DER PARTIKULARISMUS
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In flammenden Worten appellierten die Liberalen Fischer, Volk, Edel,Marquardsen, Barth unter Hinweis auf die im Sitzungssaal vernehmbarenvaterländischen Zurufe der vor dem Sitzungsgebäude versammelten Volks-menge an deutsche Vaterlandsliebe und deutsche Ehre. Der Präsident Weißunternahm einen letzten schwachen Versuch, die Debatte zu vertagen, „dadie Beratung unter einer auf die Kammer geübten Pression vor sich gehe",ließ aber nach kurzem Zaudern schließlich doch abstimmen. Der Ausschuß-Antrag Jörg wurde mit neunundachtzig gegen achtundfünfzig Stimmenabgelehnt, der Regierungsantrag mit hundertundeiner gegen siebenund-vierzig Stimmen angenommen. Als die Abgeordneten aus dem Stände-hause traten, wurden sie ebenso wie die anwesenden Reichsräte und Ministermit Jubel und Zurufen begrüßt. Jörg und seine näheren Freunde wagtensich, wie Hohenlohe beobachten konnte, zunächst gar nicht auf die Straße,sondern zogen es vor, sich erst nach Hause zu schleichen, als die Erregungin der Stadt sich gelegt hatte. Die Erste Bayrische Kammer, die einstimmigund ohne Debatte den von der Regierung geforderten Kredit bewilligte,gab damit ein schönes Beispiel vaterländischer Gesinnung und politischerEinsicht, das in Deutschland wie im Auslande einen großen Eindruck machte.
Ich möchte noch erwähnen, daß ein altes Mitglied der UltramontanenBayrischen Partei, der Historiker Johann Nepomuk Sepp , sich 1870 Seppvon seinen bisherigen Genossen trennte und in Wort und Schrift für dienationale Sache eintrat. Der wackere Mann, der mich während meinerKanzlerzeit wiederholt durch originelle und gutgemeinte Zuschriftenerfreute, ist 1909, fast dreiundneunzig Jahre alt, gestorben. Kurz vor seinemTode übersandte er mir sein Buch über eine von ihm unternommenePalästinareise, dem er als Motto die nachdenkliche Sentenz gegeben hatte:„Der Baum der Erkenntnis ist nicht der Baum des Lebens." Vor allem willich mit patriotischer Genugtuung feststellen, daß dank der genialen Ver-fassung, die Bismarck dem deutschen Volke gab, dank auch der weisenSchonung, mit der er die berechtigte Eigenart aller Bundesstaaten undinsbesondere die des zweitgrößten Bundesstaates zu behandeln wußte,Bayern in allen seinen Teilen, Altbayern wie Franken und die Pfalz , dieBayrische Volkspartei wie die Liberalen, während des Weltkrieges undinsbesondere während der schweren Jahre nach dem Weltkriege inunentwegter Treue zum Vaterland gestanden hat.
Die Erbsünde und der Erbfluch des Deutschen: der Partikularismus,hatte sich 1870 in Bayern klerikal vermummt, in Württemberg hielt er Württemberg sich eine demokratische Maske vor. Der Führer der partikularistisch -schwäbischen Demokratie, Herr Karl Mayer, der Vorgänger und geistigeVater der zänkischen und rabulistischen Zwillingsbrüder Haußmann unddes biederen, aber politisch unzulänglichen Vizekanzlers Friedrich Payer ,
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