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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DALWIGK

6tellte in der entscheidenden Sitzung der Zweiten WürttembergischenKammer, am 21. Juli 1870, elegische Betrachtungen darüber an, daßDeutschland in Österreich der Unke Arm zur Verteidigung fehle. Nachdemaber die Bayrische Kammer umgefallen sei, bleibe nur übrig, unter denpreußischen Oberbefehl zu treten und sich am Kriege zu beteiligen. Großepolitische Diskussionen seien nicht mehr möglich, und es bleibe nichts mehrzuwünschen als der Sieg der deutschen Waffen. Die Kammer erklärte sicheinstimmig für den Eintritt in den Krieg, wie das dem patriotischenEmpfinden des schwäbischen Volksstammes entsprach, der einst desReiches Sturmfahne getragen hatte.

Kein deutscher Staat war durch einen deutsch -französischen KriegBaden unmittelbarer bedroht als das Großherzogtum Baden . Überdies hatte derDuc de Gramont dem badischen Gesandten in Paris durch seinen Kabinetts-chef, den Baron de Ring, sagen lassen, wenn Baden gegen Frankreich ginge,würde es verwüstet werden wie die Pfalz unter Louis XIV , selbst dieFrauen würden nicht geschont werden.Meme les femmes ne seront pasepargnees", so sprach zu dem badischen Gesandten am Tuilerienhofe derBaron de Ring, ein Elsässer, dem ich sechs Jahre später als Erstem Sekretärder Französischen Botschaft in Wien begegnet bin. 1870 konnten dieFranzosen ihre Drohungen nicht ausführen. Als sie aber fünfzig Jahrespäter uns mit Hilfe beider Hemisphären überwältigt hatten, mußtendeutsche Frauen erfahren, welcher Schandtaten die schwarze französischeSoldateska fähig war. Die Drohungen des Barons de Ring und des Ducde Gramont prallten wirkungslos ab an der nationalen Gesinnung derwackeren Alemannen am Rhein und ihres edlen Großherzogs Friedrich.

Die Hessen des Großherzogtums standen an Patriotismus den BadenernHessen nicht nach, aber ihr Großherzog Ludwig III. erinnerte an die traurigenFürstengestalten der Rheinbundzeit. Er hatte dem französischen Gesandtenin Darmstadt , dem Grafen d'Astorg, nach 1866 gesagt:Wenn KaiserNapoleon mich von den Preußen erlöst, so trete ich ihm freudig Mainz ab." Ein französisches Sprichwort lautet:Tel maitre, tel valet." DerMinister des Großherzogs Ludwig III. , der Freiherr von Dalwigk zuLichtenfels , war eines solchen Herrn würdig. Als die französische Kriegs-erklärung an den Norddeutschen Bund erfolgt war, dem Hessen mit seinemGebiet nördlich des Mains angehörte, verbot Dalwigk patriotische Demon-strationen in Darmstadt mit der Begründung, man dürfe die Franzosennicht reizen, die Rothosen könnten ja in einigen Tagen in Darmstadt stehen und ihre Rosse in der Darm tränken. Als Gott unserer gerechtenSache den Sieg geschenkt hatte, schwenkte Dalwigk um und unterbreitetedem früher von ihm gehaßten Bismarck Denkschriften, in denen einegründliche und radikale Unifizierung Deutschlands gefordert wurde.