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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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AM ABEND VON SED AN

Preußen auf seinen jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie uns trinkenauf das Wohl der drei von mir Genannten, auf das Wohl der Armee undjedes einzelnen, der nach seinen Kräften zu den bisherigen Erfolgenbeigetragen hat." Als das Abendessen zu Ende war, äußerte der alte Herrmit dem ihm eigenen gutmütigen Humor zu dem Erbprinzen Leopoldvon Hohenzollern :Du bist eigentlich der Macher von das Ganze, wie dieBerliner sagen, ohne dich hätten wir Sedan nicht erlebt."

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Als spät am Abend die Teilnehmer an dem Essen in der Dunkelheit ihreBismarck Quartiere aufsuchten, von einer einzigen Laterne schwach beleuchtet, einerund der Linter dem andern im Gänsemarsch, entwickelte Bismarck unter Bezug-Erbprinz nanme au f di ese scherzhafte Äußerung des Königs den anderen Herren,wie töricht der Kaiser Napoleon, die Kaiserin Eugenie, Gramont undOllivier gewesen seien, aus der Thronkandidatur des Erbprinzen vonHohenzollern eine ernste Streitfrage zu machen und deshalb den Krieg zuentzünden. Er fügte hinzu:Wäre der Erbprinz Leopold wirklich nachMadrid gegangen, so würde er, wie andere ins Ausland gezogene deutschePrinzen, dort nicht deutsche, sondern nur spanische Politik gemacht haben,womöglich gegen uns." Plötzlich hörte der Bundeskanzler eine protestierendeStimme. Es war der Erbprinz Leopold, der nicht ohne Gereiztheit erklärte,er würde auch im Ausland nie vergessen haben, daß er ein Deutscher, einHohenzoller und preußischer Offizier sei. Bismarck bat um Entschuldigung:er habe in der Dunkelheit nicht gewußt, daß er die Ehre habe, in der NäheSeiner Königlichen Hoheit zu gehen, an dessen Patriotismus er nichtzweifle. So erzählte mir viele Jahre später der Bruder des ErbprinzenLeopold, der König Carol von Rumänien. Und doch hat im letzten Endeauch hier Bismarck rechtbehalten. Im Weltkrieg hat der zweite Sohn ebendieses Erbprinzen Leopold von Hohenzollern, der König Ferdinand vonRumänien, durch Anschluß an die Entente sein deutsches Vaterlandpreisgegeben, der Uniform des 1. Garderegiments, die er getragen hatte,Unehre gemacht und sich selbst von allen Deutschen für immer losgesagt.Aber wer hätte am 2. September 1870 die Situation vom August 1916vorausgesehen? Wer hätte im September 1870, nach einem Siege, der inseinem Ausmaß an die Peripetie der Tragödien des Äschylos gemahnte undalle Völker der Erde mit dem ehrfürchtigen Staunen erfüllte, das einNaturereignis hervorruft, der immer die Phantasie beschäftigen wird, denVerrat von 1916 geahnt?

Als ich 1884, damals Erster Sekretär der Botschaft in Paris, in Tunis Der weilte, erzählte mir unser dortiger Konsul, der Afrikareisende Nachtigal,Eindruck er habe im Winter 1870/71 auf einer Forschungsreise in Bornu geweilt,des Siegs emem mohammedanischen Negerreich im mittleren Sudan, von jeder Ver-bindung mit Europa völlig abgeschnitten. Da hätten Eingeborene ihm