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„KRIEG BIS ZUM ÄUSSERSTEN"
Gewiß stimmte ich aus vollem Herzen in den Jubel über Sedan ein, dermich in Bonn umbrauste. Aber der Gedanke, daß ich nun voraussichtlichnicht mehr an den Feind kommen würde, beeinträchtigte sehr meinepatriotische Freude. Ich schrieb an meinen Vater und bat ihn inständig,sich bei dem Kommando der Ersatz-Schwadron dafür zu verwenden, daßich auf eigene Kosten und ausnahmsweise sogleich dem Feldregiment nach-geschickt würde. Mein Vater schlug mir meine Bitte rundweg ab, was michsehr betrübte. Der stolze Patriotismus der Franzosen sorgte dafür, daß ichnoch Schlachtfelder kennenlernen sollte.
Nichts ist für die Erziehung der Deutschen zu nationalem SelbstgefühlGambetta und realpolitischer Einsicht nachteiliger als die bei uns von Philistern allerBildungsgrade und in allen Stellungen oft gehörte spießbürgerliche Kritikdes von den Franzosen unter der Führung von Gambetta auch nach Sedangeleisteten verzweifelten Widerstandes. In einer berühmten Stelle seinerunsterblichen Rede vom Kranze rief Demosthenes nach Chäronea seinenLandsleuten zu: „Nein, Athener , ihr seid nicht fehlgegangen, als ihr fürdas Heil und die Freiheit der Hellenen allen Gefahren trotztet. Ich schwörees bei unsern Ahnen, die bei Marathon fochten, bei denen, die Platää inSchlachtordnung sah, bei den Tapferen, die vor Salamis auf dem Meerekämpften. Allen diesen Helden gewährte Athen die gleiche Ehre, gewährtees gleichmäßig die Ehre des staatlichen Begräbnisses. Und so war es recht.Denn die Pflicht braver Bürger hatten alle erfüllt, das Los des einzelnenaber regelten die Götter." An diese herrlichen Worte des größten griechischenRedners erinnerte in einem nach dem Tode von Gambetta in einem Pariser Blatt veröffentlichten Artikel Xavier Charmes, der begabteste von dreibedeutenden Brüdern. Der tapfere Widerstand, so schrieb Xavier Charmesim Januar 1883, den, von Leon Gambetta geführt, Frankreich nach Sedangeleistet habe, gebe den Franzosen das Recht, sich an Austerlitz und Jena,an Sebastopol und Magenta zu erinnern und nicht an der Zukunft zuverzweifeln.
Es war ein Akt der Pietät und der Gerechtigkeit, daß nach dem 1918von Frankreich erfochtenen Sieg das Herz von Gambetta, der Frankreich mit sich gerissen und die „guerre ä outrance" proklamiert hatte, imfeierlichen Zuge nach dem Pantheon übergeführt wurde. Und mit Schmerzund Scham sagt sich der Deutsche, wie anders bei uns nach dem Umsturzvon 1918 die Stimmung weiter, von pazifistischen Schwätzern undutopistischen Narren verführter Teile unseres Volkes war. Gewiß: Ge-schicktere Staatslenker, als es Bethmann Hollweg und Jagow, Michaelisund Kühlmann waren, hätten schon 1915, dann 1916, 1917, selbst noch1918 eine Gelegenheit gesucht und wohl auch finden können, zu einem an-ständigen Frieden zu kommen. Aber für die Armee, die bis zuletzt focht,