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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER MUSTERSTAAT EUROPAS

Gesellschaft waren wesentlich gleiche Begriffe, das Bürgertum gab den Tonan, wie sozial so auch in der Verwaltung und in der Regierung. Selbst derHof hatte bei vornehmen Allüren doch etwas Bürgerliches, was Groß-herzog Friedrich I. und sein Sohn, der Großherzog Friedrich IL, auch nachaußen gern hervortreten ließen. Es war bezeichnend für die badischeDynastie, daß die Prinzen ihres Hauses, wenn sie in Heidelberg studierten,nicht bei den Saxo-Borussen einsprangen, wo die Fine fleur des preußischenAdels den Ton angab, auch nicht bei den Westfalen und Vandalen, die derholsteinische und der mecklenburgische Adel, hier und da auch distinguierteHanseaten aufsuchten, sondern bei den Schwaben, auf deren Kneipe derbürgerliche Badenser seinAltheidelberg, du feine" sang.

Wie Baden für den aufgeklärten Deutschen der Musterstaat war, so galtDas hierfür in der Welt seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts dasKönigreich Königreich Belgien . Die belgische Verfassung schien die richtige MitteBelgien ^^^^ Freiheit und Ordnung zu halten. Mit ihr hatte sich das jungeKönigreich zu großer wirtschaftlicher Blüte entfaltet. Sie hatte ein auszwei verschiedenen Stämmen, aus den romanischen Wallonen und dengermanischen Flamen, bestehendes Volk unter der DeviseL'union fait laforce!" geeinigt. Im Zeichen der Freiheit hatte Belgien Probleme gelöst, dieanderen Ländern ernste Schwierigkeiten und gefährliche Konflikte be-reiteten. In Löwen bestand eine strengkatholische Universität, die unterder Obhut und Leitung des Episkopats allen Anforderungen der römisch-katholischen Kirche besser entsprach als irgendeine andere Hochschule derWelt, selbst Rom und Innsbruck nicht ausgenommen. Aber ganz in derNähe von Löwen, in der Hauptstadt Brüssel , war eine freie Universitätgegründet worden, auf der sich Rationalismus, Materialismus und Atheismusmit einer Ungebundenheit breitmachten, die kaum in einem anderen Landeerreicht wurde und die doch in dem Volke, von dem man hatte sagenkönnen, es gehöre zum Grundcharakter des Belgiers, daß er katholisch sei,niemand störte.

Ich entsinne mich eines Gespräches, das ich in den ersten Jahrenmeiner Kanzlerzeit mit meinem lieben Freunde, dem Zentrumsabgeord-neten Franz Arenberg, und dessen Parteigenossen, dem Baron Hertling,führte. Wir hatten a trois gegessen. Nach dem Essen besprachen wir denalten Plan einer deutschen katholischen Universität, mit der übrigensHertling nicht viel im Sinne hatte. Er frug den Prinzen Arenberg, dessenEltern in Belgien lebten, wie es dort stünde. Arenberg erzählte, daß inBrüssel eine akatholische, im Grunde antikatholische, und in Löwen eineorthodox-katholische Universität floriere. Ich schlug Hertling vor, ausIngolstadt ein bayrisches Löwen zu machen und dafür die bestehendeMünchner Universität imvoraussetzungslosen" Sinne auszubauen.