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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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GEHEIMVERHANDLUNGEN

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Zumutungen und behandelte dieselben dilatorisch, ohne meinerseits jemalsauch nur ein Versprechen zu machen."

Mit gutem Grunde hatte Bismarck seine Enthüllungen über die fran-zösischen Pläne gegen Belgien in eine große englische Zeitung gebracht.Die Aufrechterhaltung der belgischen Selbständigkeit war für die eng-lischen Staatsmänner ein altes Axiom. Selbst ausgesprochene Pazifisten wieJohn Bright, Cobden und Gladstone hatten wiederholt erklärt, daß derFortbestand eines neutralen, unabhängigen und selbständigen Belgien eineLebensfrage für England sei, daß hierfür England nötigenfalls fechtenmüsse und tatsächlich gegen Napoleon I. zwölf Jahre lang gefochtenhabe.C'est pour Anvers que je suis ici", hatte Napoleon auf Sankt Helenamelancholisch geäußert und gemeint, es sei an und für sich verständlich,daß England eine Besitzergreifung Belgiens durch eine andere Macht nichtzulassen wolle.Anvers dans les mains d'une autre puissance serait unpistolet braque sur l'Angleterre." Diese melancholische Reflexion desgestürzten Weltenstürmers hätten in Deutschland während des Weltkriegesdiejenigen beherzigen sollen, die für die Annexion der flandrischen Küsteagitierten, die ohne einen unübersehbar langwierigen und schwierigenKampf gegen England gar nicht denkbar war.

Das Bismarcksche Rundschreiben vom 29. Juli 1870 enthält auch eineprägnante und durchschlagende Abfertigung der Toren, die nach dem Welt-krieg behaupteten, daß wir in dem halben Jahrhundert zwischen demFrankfurter Frieden und der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinanddiesen oder jenen Anlaß hätten benützen sollen, um den doch unvermeid-lichen Konflikt mit Rußland, Frankreich und England baldmöglichst aus-zufechten. Der Eindruck der von Bismarck in dieTimes" gebrachtenEnthüllungen auf die Engländer war sehr stark und für uns um so nützlicher,als, von den Sympathien namentlich der Upper ten thousand für Paris undla belle France ganz abgesehen, zwischen den beiden Kabinetten, wie ichausführte, seit einem halben Jahrhundert bisweilen intime, im großen undganzen trotz gelegentlicher Reibungen freundschaftliche Beziehungenbestanden hatten.

Wie war es Bismarck gelungen, den Benedettischen Vertragsentwurfin die Hand zu bekommen und namentlich ihn in der Hand zu behalten? BenedettiGraf Vincent Benedetti, seit 1864 französischer Botschafter in Berlin , hatte istsich vor seiner Entsendung nach der preußischen Hauptstadt als Sekretär unvorsichtigdes Pariser Kongresses und als Gesandter in Turin das besondere Wohl-wollen des Kaisers Napoleon erworben. Er war seit seiner Turiner Zeit auchbei dem Prinzen Napoleon gut angeschrieben und gehörte zu den Intimender Prinzessin Mathilde Bonaparte . Er war ein ehrgeiziger und geriebenerKorse, der aber bisweilen die oft zitierte goldene Regel vergaß, die der Fürst