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EIN SCHRIFTSTÜCK WIRD PHOTOGRAPHIERT
der Diplomaten, Talleyrand , seinen Sekretären einzuschärfen liebte:„Surtout pas trop de zele." Benedetti wußte, wieviel seit Sadowa seinemSouverän an „Kompensationen" für Frankreich lag. Er glaubte, daß solcheEntschädigungen von Preußen leichter in Belgien als auf dem deutschenlinken Rheinufer zu erreichen sein würden, und sah deshalb in Belgien dasgeeignetste Objekt für eine Transaktion mit Preußen. Er hatte in Turin gesehen, daß Piemont die Unterstützung Frankreichs bei der EinigungItaliens mit Savoyen und Nizza bezahlt hatte. Warum sollte nicht auchPreußen für die französische Zustimmung zur Einigung Deutschlands einen Tribut entrichten, noch dazu mit nicht-deutschem Land ? Als Bene-detti in jeder Unterredung mit Bismarck auf Belgien als ein besondersgeeignetes Kompensationsobjekt zurückkam, ließ der preußische Ministerim natürlichen Ton angeregter Konversation die Bemerkung fallen, eswürde ihm das eigene Durchdenken der ganzen Kompensationsfrage unddie Erörterung derselben mit seinem alten Herrn wesentlich erleichtern,wenn Benedetti die richtige Formulierung für die ihm vorschwebendeTransaktion selbst vorschlüge, zumal niemand eine solche besser findenkönnte als der ausgezeichnete Diplomat, der schon als Sekretär desPariser Kongresses seine Gewandtheit im Redigieren betätigt hätte.Benedetti, beinahe so geschmeichelt wie der Rabe, dem bei Lafontaine derFuchs Komplimente macht, übersandte unverzüglich dem preußischenMinister den gewünschten Vertragsentwurf. Einige Stunden später schrieber an Bismarck , die Herren seiner Botschaft hätten ihn darauf aufmerksamgemacht, daß er ein so vertrauliches Dokument nicht in fremden Händenlassen dürfe, und deshalb erbitte er seine Aufzeichnungen zurück. BismarckHeß Benedetti seinen Entwurf sofort wieder zugehen; aber er hatte dasSchriftstück inzwischen photographieren lassen. Und als er am 25. Juli 1870das französische Anerbieten in die „Times" brachte, konnte er gleichzeitigdas Faksimile des von Benedetti geschriebenen Vertragsentwurfes überBelgien erscheinen lassen.
Bismarck brachte in seinem Rundschreiben vom 29. Juli auch frühereBündnisvorschläge des Kaisers Napoleon zur allgemeinen Kenntnis, indenen dieser im Mai 1866 Preußen ein Offensiv- und Defensiv-Bündnisauf der Basis vorgeschlagen hatte, daß Preußen „une reforme federaledans le sens prussien" und Annexionen in Deutschland , „sept ä huitmillions d'ämes au choix" erhalten sollte, Frankreich aber „le territoireentre la Moselle et le Rhin, sans Coblence ni Mayence comprenant cinqcent müle ämes de Prusse, la Baviere rive gauche du Rhin, Birkenfeld ,Homburg, Darmstadt , deux cent treize mille ämes". Nach der fran-zösischen, übrigens mit der Wirklichkeit nicht ganz übereinstimmendenBerechnung fast zwei Millionen Seelen.