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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE PRIMEURS

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früher das Schicksal des gutmütigsten und unglücklichsten aller Könige, desEnkels und Nachfolgers von Hugo Capet , von Ludwig dem Heiligen undHeinrich IV., von Ludwig XIV. , dem Grand Roi, erfüllt, das Schicksalseiner schönen und stolzen Gemahlin, der Kaisertochter Marie Antoinette ,das Schicksal des armen kleinen Dauphin, der später in dem ZarewitschAlexej Nikolajewitsch, in dem kaiserlichen Prinzen Louis Napoleon unddem Erzherzog Rudolf Leidensgenossen finden sollte, die mit ihmbezeugen können, daß im Purpur geboren zu sein noch nicht die Anwart-schaft auf ein glückliches Lebenslos bedeutet.

Am 15. November meldete ich sehr beglückt meinen Eltern:Gesternhat mich der Herr Oberst zum Gefreiten gemacht. Damit ist so weit Beförderungentschieden, daß ich übertrete, da ich es als Freiwilliger erst im neunten zum GefreitenMonat geworden wäre. Auch so ist es sehr früh, da eigentlich nur die Dienst-zeit als Avantageur gerechnet wird. Ritte, schickt mir recht bald denErlaubnisschein!" Die Reförderung zum Gefreiten war mein erstes Avance-ment. Dieser bescheidene Sprung machte mir viel Spaß. Meine Freundin,Missy Durnow, die geistreiche Tochter der Oberhofmeisterin der KaiserinMaria Feodorowna, der Fürstin Helene Kotschubey, pflegte zu sagen:Lespetits pois qui ne vous disent rien dans la saison des legumes, vous enchantentcomme primeurs." Das gilt überall. Ich war sehr vergnügt, als ich mir denGefreiten-Knopf annähte.

Am 17. November schrieb ich aus Betheny bei Reims: Gestern mar-schierten wir hierher. Wir liegen ganz nah bei Reims. Die Stadt nimmt sich In dervon hier sehr malerisch aus, vor allem die Kathedrale." Die schöne Ge- Kathedraleschichte des zweiten französischen Kaiserreichs von Pierre de la Gorce von lieimsendigt mit der Resetzung von Reims, der alten französischen Krönungsstadt,durch die Deutschen. Gorce schließt mit den Worten:Le soir les soldatsallemands se repandirent dans la nef, et on les vit, les uns en curieux, lesautres en devots, passer et repasser devant l'autel, Jeanne d'Arc avaitdeploye son etendard, les rois de France avaient ete sacres." Unterdiesen Resuchern der Kathedrale von Reims befand sich auch der Gefreitevon Bülow, der das herrliche Bauwerk nicht nur en curieux, sondern endevot besuchte, voll Ehrfurcht für die zum Himmel strebende Kraft undReinheit des Glaubens, der im Mittelalter dieses herrliche Gotteshaus schuf.

Nach viertägigem, mühsamem Marsch durch einen Landstrich, woerhöhte Sicherheitsmaßregeln eintreten mußten, denn die Bevölkerungzeigte sich in der Erwartung auf ein baldiges Vorrücken der französischenNordarmee unruhiger und störrischer als bisher, so daß wir in allen größerenOrtschaften die vorhandenen Waffen abnahmen und vernichteten, erreichtenwir Compiegne. Wenn Reims wie keine andere französische Stadt die CompUgnelängst versunkene Größe des alten königlichen Frankreich verkörpert, so