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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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IN DER CHAMPAGNE

marschieren wir über hügeliges und waldiges Terrain, übrigens immer mitAvantgarde usw., wegen der vielen Franktireurs. Da ich keine Karte habe,ahne ich nicht, wo wir eigentlich sind, ich denke in den Argonnen . UnsereDirektion soll Reims sein. Die Bauern, bei denen requiriert wird, jammernsehr. Sie tun einem wirklich leid, aber es ist ja nichts zu machen. Ich habein Bonn keine Zeit gehabt, mich photographieren zu lassen. Könnt Ihrnicht nach meinem Kabinettbild ein halbes Dutzend Photographienmachen lassen und eine davon der Komtesse Bismarck mit meinen bestenEmpfehlungen und Grüßen überweisen? Da sie mich mehrere Maledarum angegangen hat, wäre es unhöflich, keine Demonstration zumachen. Bitte, entschuldigt die Eiligkeit meines Briefes. Ich bin im Bett,in das ich mich gelegt, um meine Kleider zu trocknen. Tausend Grüße analle. Bitte, schickt mir recht bald die schriftliche Einwilligung auf so-genanntem Zettel!! Ich kann Dich nur aufs dringendste darum bitten.Bitte, laß Mama sich nur nicht um mich ängstigen. Ich bin vernünftig,fühle mich wohl, habe sehr guten Mut. Für das übrige muß der liebe Gottsorgen. Euer treuer Sohn Bernhard von Bülow ." Am 11. November schriebich aus dem Marschquartier Bercieux (Marne):Liebe Eltern, bitte,schickt mir umgehend die schrifthche Einwilligung etwa in der Fassung:,Ich erteile meinem Sohn B. auf seinen Wunsch die Erlaubnis, als Avantageurbeim Königshusaren-Regiment einzutreten.' Ich muß durch Stoltzenbergund Schlichting dem Oberst gut empfohlen worden sein, da er mir vor-schlug, was andere nur mit vieler Mühe oder gar nicht erreichen können.Wir marschieren jetzt sehr scharf, heute bei unaufhörlichem Schnee-gestöber, das aber am Ende noch besser ist als der gestrige Regen. UnserZug war Seiten-Detachement, und wir passierten zwei Stunden lang dichtbewaldete Gebirgszüge auf sehr schlechten Wegen. Wir sind jetzt in derChampagne. Bercieux ist ein reiches Dorf, das sehr gegen die erbärmlichenVarennes lothringischen Nester absticht. Wir passierten Varennes, wo Louis XVI auf seiner Flucht angehalten wurde. Wir spitzen uns alle sehr auf denChampagner, der in Epernay und Reims nur drei Francs die Flasche kostensoll. Er wird sich aber wohl seit der ersten Zeit verteuert haben. Ich fühlemich unberufen sehr wohl. Mein Pferd ist ziemlich strapaziert. TausendGrüße an alle. Ich bin sehr begierig auf Nachrichten von Euch. Bitte,schickt mir recht bald den Erlaubnisschein! Vielleicht auch eine kleine-Sendung. Nochmals tausend Grüße. Euer treuer Sohn Bernhardvon Bülow ."

Deutlich steht mir Varennes an jenem Novembertag des Jahres 1870vor Augen. Der Regen strömte. Ein großer viereckiger Marktplatz, vonniedrigen Häusern umgeben. Wenige Menschen auf den Straßen, die neu-gierig und scheu auf die Prussiens blickten. Hier hatte sich achtzig Jahre