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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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MOBILGARDE

ich einen Hahn gekapert, der schon brät. Heute waren wir acht, gesternvierzehn Stunden im Sattel, dabei stets in Bewegung. Ich fühle mich dabeisehr wohl. Wir sind fünf Meilen von Rouen , schon in der Normandie. UnserRegiment hat die Avantgarde. Die Franzosen kneifen aber immer. TausendGrüße und beste Wünsche, liebste Eltern, an alle. Gott gebe uns ein rechtfröhliches Wiedersehen. Euer treuer Sohn Bernhard."

Am 4. Dezember überritt unsere Schwadron überraschend zwischenBuchy und Rouen auf steinhartgefrorenem, scholligem Ackerboden imGalopp einen größeren Haufen abziehender französischer Infanterie undzwang sie zur Waffenstreckung. Am 5. Dezember, einem herrlichen, kaltenund klaren Wintertage, ging unser etatsmäßiger Stabsoffizier, MajorDincklage, im Regiment nicht beliebt, weil seine etwas steife hannöverischeArt nicht zu dem rheinischen Naturell der Königshusaren paßte, aber eintüchtiger Soldat, mit der L und 2. Eskadron zur Rekognoszierung gegenRouen vor. Schon vor Rouen deuteten Barrikaden und frisch auf-geworfene, z. T. noch nicht vollendete Schanzen darauf hin, daß die Stadterst seit ganz kurzer Zeit verlassen sein konnte und daß eine ernstlicheVerteidigung beabsichtigt worden war. In einer der Schanzen fanden wirsechs Positionsgeschütze, die wir für das Regiment in Besitz nahmen. Wirgriffen eine Anzahl Mobilgardisten auf. Einer von ihnen hatte die franzö-sische Liebenswürdigkeit, mir, während ich ihn am Kragen hielt, um ihmdas Auskneifen unmöglich zu machen, Komplimente über mein gutesFranzösisch zu machen:Monsieur parle le francais sans accent, je lui enfais mon compliment." Einer der gefangenen Mobilgardisten entlief unsan einer Straßenecke. Der ihn eskortierende Husar parierte ruhig seinPferd, legte den Karabiner an und schoß ihn auf etwa dreißig Schritt nieder.

In der Vorstadt Darnetal angelangt, Heß der Major Dincklage den Mairedes Ortes kommen. Dieser erklärte, daß er für die Ruhe des anständigenTeiles der Bevölkerung einstehe.Mon Colonel, les bons citoyens sont sageset tranquilles, ici comme partout. Mais je ne puis repondre de la canaille.II y a ici plusieurs fabriques et par consequent beaucoup d'ouvriers. Ceux-ciont commis des exces apres le depart des troupes francaises. Iis sont biencapables d'en commettre encore si vous continuez votre marche." MajorDincklage setzte trotzdem mit seinen sechs Zügen seinen Marsch fort.

Um ein Uhr rückten wir in Rouen ein. Um zwei Uhr hielten wir auf derEinzug in Place Napoleon, umringt von einer heulenden, gestikulierenden undRouen schimpfenden Volksmenge, die aber nicht zu Tätlichkeiten überzugehenwagte. Der große Korse, dessen Reiterstatue auf diesem Platz steht, sahverächtlich und stolz auf die Massen herab. Als nach einer kleinen Stundedas 70. Regiment vor dem Rathaus aufmarschierte, verlief sich der Pöbel.Zwei Schwadronen Königshusaren hatten die Hauptstadt der Normandie