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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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DER ADLER 195

mit über hunderttausend Einwohnern, darunter zwanzigtausend brotloseArbeiter, in Besitz genommen, die größte französische Stadt, die bis dahinvon deutschen Truppen okkupiert worden war. Unsere Schwadron bezogdie schöne neue Kavallerie-Kaserne, La bonne Nouvelle, in der VorstadtSaint-Severe. Am Abend promenierte ich mit Kameraden auf den Quaislängs der Seine. Heller Mondschein spiegelte sich im Fluß, und er spielte aufden Namenszügen der Königshusaren, als sie auf der großen Steinbrückeden Fluß überschritten. Diese Brücke war siebzig Jahre früher von demPremier Consul Bonaparte eingeweiht worden. Er wurde damals an derBrücke von dem Prefet de la Seine Inferieure empfangen, dessen allzusicheres Auftreten ihn reizte. Nachdem sie zusammen die Brücke über-schritten hatten, suchte der künftige Kaiser den noch sehr jungen Präfektendurch eine Reihe eingehender und nicht leicht zu beantwortender Fragenüber die Verhältnisse seines Amtsbezirkes in Verlegenheit zu setzen. DerPräfekt fand auf jede Frage eine rasche und gute Antwort. Endlich frugBonaparte:Et combien d'oiseaux ont passe aujourd'hui ce pont?" Ohnesich einen Augenblick zu besinnen, erwiderte der Präfekt:Un seul,Premier Consul, un aigle!" Dieser Präfekt hat unter dem ersten Kaiserreicheine gute Karriere gemacht.

Rouen mit seinen Kirchen, der Kathedrale und der Kirche Saint-Ouen ,herrliche Baudenkmäler reinster Gotik, mit seinen altertümlichen, engen General Straßen, mit der hier schon breit und mächtig strömenden Seine, mit den Manteuffdmalerischen Höhenzügen am rechten Seineufer steht mir in freundlicherErinnerung. Auch das Eckrestaurant am Quai, wo es wundervolle Seefischeund frische Huitres de Marennes gab, wurde nach den Entbehrungen deslangen und mühsamen Marsches von der Mosel bis zur Seine gern auf-gesucht. Am Tage nach unserem Einmarsch in die Hauptstadt der Nor-mandie sah ich den Erzbischof von Rouen , Monseigneur de Bonnechose,der sich zu Fuß nach der Präfektur begab, wo der General von Man-teuffei abgestiegen war. Als der General frug, warum der Erzbischof nichtgefahren sei, antwortete dieser, daß bei ihm, wie bei vielen Bewohnernder Stadt, die Pferde requiriert worden seien, deshalb sei er per pedesapostolorum gekommen. Der chevalereske General Heß noch am selbenTage dem Erzbischof seine Pferde wieder zustellen. Eine Ritterlichkeit, ander, als sie mit Hilfe der halben Welt das deutsche Volk überwältigt hatten,die französischen Generäle Foch und Nollet, Degoutte und de Metz es nurallzusehr haben fehlen lassen.

Ich habe mich bei dem General Manteuffel während des Winterfeldzuges1870/71 ein- oder zweimal gemeldet, ihn auch wiederholt vorbei gehen undreiten sehen. Mein Eindruck war, daß er mit Bewußtsein den Feldherrnmarkierte, den Feldherrn, der es edel und nobel treibt. Ich habe schon

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