BEIM CURE VON MOULINOT
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Morgen war eine Revolte gewesen, bei der alle Fenster im Rathaus ein-geschmissen worden waren. An den Straßenecken waren noch die Prokla-mationen zu lesen, nach denen sich Rouen eher unter seinen Trümmern be-graben als sich ergeben wollte. Gegen Abend kamen wir in die Quartiere.Wir blieben Mittwoch und Donnerstag in der Stadt, die hochinteressant ist.An beiden Seiten der Seine läuft der Quai Napoleon mit schönen Läden,Cafes und Gasthöfen. Die übrigen Straßen der Stadt sind eng und schmutzigbis auf zwei prächtige Boulevards: De la Republique (früher de l'Empereur)und Du grand Pont, die vom Rathausplatz zum Fluß führen. Das Rathausselbst ist groß, aber nicht bedeutend, sehr schön dagegen die Kirche Saint-Ouen , die dicht daneben hegt, im gotischen Stil mit drei Türmen, davorein Monument Napoleons I., mehr groß als geschmackvoll. Auch die Kathe-drale erschien mir eigentlich mehr merkwürdig als schön mit ihrem schorn-steinartigen Turm. Herrlich dagegen ist das Palais de Justice , wie man mirsagt, das schönste in Frankreich . Im gotischen Stil, mit unzähligen Erkern,Türmchen und Fenstern. Merkwürdig ist auch der Platz, wo die Jungfrauvon Orleans verbrannt wurde, mit ihrem Denkmal. Könnt Ihr Euch er-innern, mit welcher Begeisterung ich einst die , Jungfrau von Orleans' vonSchiller las. Ich weinte vor Enthusiasmus bei der Szene, wo die Jungfrau,im Turm eingesperrt, den Gang der Schlacht verfolgt. Ich muß damals achtoder neun Jahre alt gewesen sein. Leider hat mich der Rittmeister auf Brief-Relais geschickt. Diese Unannehmlichkeit verdanke ich besonders meinemFranzösisch, das bei solchen Gelegenheiten herhalten muß. Einen Versuch,ihn umzustimmen, nahm er sehr ungnädig auf, mit Poltern und Schimpfen.Ich sitze hier nun mit einem Unteroffizier und vier Mann in einem kleinenNest, sechzig Kilometer von Rouen . Unsere Aufgabe ist, Briefe an die gegenHavre usw. rückenden Truppen zu befördern. Tragen sie ein Kreuz, somachen wir es im Schritt ab, wenn zwei Kreuze, im Trab, wenn drei Kreuzeim Galopp (-|-, -|—|-, + + +)• Es reiten immer zwei zusammen: So kommeich leider um die Aussicht, Havre und Honfleur zu sehen! Ich habe michhier mit dem Cure angefreundet, bei dem ich heute mittag Kaffee getrunkenhabe. Er zeigte mir die schöne, von der Reine Blanche erbaute Kirche, mitherrlicher Aussicht auf die Seine, die durch wundervolles Land fließt, vieleDörfer mit hübschen Kirchen, Schlösser, Villen, zum Teil am Wasser, zumTeil an den an beiden Seiten begrenzenden Hügeln. Der Cure und ichführten auch lange Religionsgespräche. Er ist ein milder, gutherziger Geist-licher."
Am 19. Dezember schrieb ich aus Montdidier : „Liebe Eltern, wir sindvon Rouen hierher zurückmarschiert und hatten meist sehr schlechte Quar- Rückmarschtiere, doch geht es mir unberufen sehr gut. Wir passierten mehrere kleine nachStädte, wie Crevecceur, Breteuil und einige andere. Ruhetag hatten wir
Monididier