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DER MANGELHAFT UNTERRICHTETE AVANTAGEUR
auch unterdessen, aber in einem niederträchtigen Nest, wo wir zwei Tagein einem Ziegenstall zu dreien auf Stroh lagen. Montdidier ist eine etwasgrößere Stadt. Die Bevölkerung ist seit einiger Zeit sehr aufsässig, da sieglaubt, wir wären auf dem Rückzug und unsere Armee vor Paris sei ver-nichtet. Es treiben sich in der Umgegend viele Franktireurs herum. Mont-didier ist übrigens eine ganz nette kleine Stadt, mit zwei hübschen Kirchen.Amiens soll wieder von den Franzosen besetzt sein. Laßt Euch wenigstensWeihnachten nicht noch durch den Gedanken an mich betrüben, denn esgeht mir Gott sei Dank sehr gut." Zur Erheiterung meiner melancholischenEltern hatte ich meinem Briefe zwei in Moulinot gekaufte französischePamphlete beigelegt: „Nous allons taper sur le Prussien" und „Je ne vou-drais pas etre dans la peau d'un Prussien".
Am 20. Dezember schrieb ich aus Montdidier : „Liebe Eltern, EureZigarren-Briefe sind herrlich. Bitte, schickt mir bei Gelegenheit eine militä-rische Halsbinde. Das Wetter ist milde und schön. Wir hatten heute Ruhe-tag. Für die nächste Zeit ist nichts zu erwarten, da die Nordarmee unterFaidherbe Schwindel ist. Tausend Grüße an alle. Euer treuer Sohn Bern-hard von Bülow ." Mit diesem drei Tage vor der Schlacht an der Halluegeschriebenen Briefe lieferte der Avantageur von Bülow den Beweis, daßer über die militärische Gesamtlage nur mangelhaft orientiert war. Vielleichtwollte ich aber meine gar zu ängstlichen Eltern beruhigen.
Am 21. Dezember schrieb ich aus Cayeux: „Gestern sollten wir eigentlich
Die Franzosen Ruhetag haben. Ich war schon bestimmt, eine Patrouille nach Roi zu führen.
an der Somme Morgens kam aber der Befehl zum Ausrücken, und der Zug des LeutnantsErffa, in dem ich jetzt reite, kam mit zwei Kompagnien Fünfundsechzigernhierher. Die Quartiere sind hier brillant, wir aßen und tranken nach Herzens-lust. Im Dorf Hegt ein Schloß, das einem Marquis Doria gehört. Heute rittich zur Eskadron und von da zur Division und zur Brigade. Oberst von Bock,unser jetziger Brigadier, lud mich zum Frühstück ein und war sehr freund-lich zu mir. Heute abend ist der Leutnant Erffa mit zwei Dritteln desZuges nach dem zwei Kilometer entfernten Ayencourt gegangen, um dendortigen Zug des Leutnants Knesebeck zu verstärken. Wir sind hier imAlarmzustand, die arme Infanterie muß auf Feldwache biwakieren. Morgenwird es hoffentlich etwas geben. Die Franzosen haben die Somme-Über-gänge besetzt. Es heißt, sie sollen von allen Seiten umzingelt und dann ab-gefangen werden. Amiens ist übrigens von den Franzosen geräumt undwieder von uns besetzt. Tausend Grüße an alle, tausend Wünsche für Weih-nachten und Neujahr. Zigarren-Briefe erfreuten mich außerordentlich.Bitte, schickt mir bei Gelegenheit eine militärische Halsbinde. Euer treuerSohn Bernhard von Bülow ." Der damalige Leutnant von Erffa war mirpersönlich ein guter Kamerad, hat aber während meiner Kanzlerzeit als