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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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JULIE

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konservativer Präsident des Abgeordnetenhauses meiner mehr auf Aus-gleich als auf Verschärfung der deutschen Partei-Gegensätze gerichtetenPolitik manche Schwierigkeiten bereitet.

Am 22. Dezember rückte die 1. Schwadron in Camon ein, einem sauberenDorf an dem rechten Ufer der Somme, zwischen Amiens und Corbie . Ichwurde mit meinem Burschen in einem größeren Bauernhause untergebracht,dessen Besitzer offenbar beweisen wollte, daß Bismarck so unrecht nichthatte, wenn er zu sagen pflegte, Reichtum habe ein Hasenherz. Jammernderwartete er die preußische Einquartierung:Gräce, Monsieur le Prussien,gräce pour moi, gräce pour ma pauvre femme." Schluchzend und heulendstimmte die Gattin ein. Ich suchtebeide zuberuhigen,indemich sie versicherte,ich hätte nicht die Gewohnheit, ein älteres Ehepaar zum Frühstück zu ver-speisen. Ich wünschte gar nicht im Hause zu wohnen, wenn meine Gegen-wart dort solches Entsetzen verbreite. Ich verlangte lediglich für meine beidenPferde, mein eigenes und das meines Burschen, eine Unterkunft, die sichleicht in dem dicht beim Hause gelegenen Stall finden würde. Die einzigeVerständige im ganzen Hause war ein junges Mädchen, anscheinend eineVerwandte des Hauses. Ohne den Kopf zu verHeren, setzte sie ihrer Familieauseinander, daß ich gar nicht so aussähe, als ob ich sie alle umbringenwollte. Ich dankte ihr für ihre wohlwollende Beurteilung meiner beschei-denen Person. Ich fügte hinzu, sie scheine mir der einzige Mann in derFamilie zu sein. Der allmählich beruhigte Alte stimmte mir zu: ,,C'est bienvrai, Julie a le diable au corps." Julie führte mich in den Stall. Ich strecktemich auf meinem Strohlager aus und schlief, bis der Trompeter die Re-veüle blies.

Der Morgen des 23. Dezember 1870 war angebrochen. Der Tag war klarund windstill mit acht Grad Kälte. Als ich aus dem Stall in die Sattel- Der 23. De-kammer trat, stand Julie dort. Ich bemerkte erst jetzt, daß sie schön war, zember 1870groß und wohlgewachsen, mit Augen, aus denen Mut und Energie sprachen,mit vollem, rabenschwarzem, in einen Knoten geschlungenem Haar, mitroten Lippen und einem kräftigen Mund. Sie frug mich, ob es wahr wäre,daß eine Schlacht bevorstünde, wie das im Dorf erzählt würde. Ich er-widerte, das sei nicht ausgeschlossen. Sie meinte:Pour sür, vous allez vousfaire tuer, car je suppose que vous serez aussi brave que vous etes bon etgenereux." Ich glaube, daß das Ungewöhnliche der Lage, die bevorstehendeSchlacht mit ihren Wechselfällen und Gefahren, die Stille des frühen Mor-gens uns zwei junge Menschenkinder, den Sohn und die Tochter zweier ein-ander feindlicher Völker, wie in einen Taumel versetzt hatte. Psychologischwar das, wie ich rückschauend feststelle, wohl begreiflich. Unsere Nervenwaren aufgepeitscht. Wir waren unserer Sinne nicht mehr mächtig. Ich zogdas schöne Weib an mich. Unsere Lippen suchten und fanden sich. Wir ver-