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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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SCHLAF IM ZIEGENSTALL

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wärmten sich die Husaren an der Brandstätte. Zu meiner Freude fand ichHafer für meine brave Grete, auch eine halbe Flasche Wein für mich. Ichleerte sie auf einen Zug, dann warf ich mich in einem verlassenen Ziegenstallauf die Erde. Wie in meinen Kindertagen betete ich:

Abends, wenn ik slapen gah,

Viertein Engel bi mi stahn:

Twei tau min Haupten,

Twei tau min Feutten,

Twei tau mine Rechten,

Twei tau mine Linken,

Twei, di mi taudecken,

Twei, di mi upwecken,

Twei, di mi wiest

Int himmlisch Paradies,

Un min Vadding un Mudding ok."

Und dann verfiel ich nach diesem ereignisreichen Tag, während durchdie Stille der Nacht in der Ferne die französischen Signale ertönten, immerleiser tönten und schließlich verstummten, in den tiefsten Schlaf, den ichje geschlafen habe.

Bei einer Kälte von elf Grad stieg am 24. Dezember die Sonne an einemklaren und wolkenlosen Himmel empor. Ein eisiger Nordostwind blies uns Der 24. De-um die Nase. Die 1. Eskadron hielt schon am frühen Morgen in einer 'emberTerrainmulde westlich des Windmühlenberges bei Querrieux. Wir konntenkonstatieren, daß die Franzosen ihre Stellungen vom gestrigen Nachmittagüberall hielten. Zu offensiven Vorstößen rafften sie sich nicht mehr auf.Einige schwächliche Versuche in dieser Richtung wurden nach den erstenSchüssen unserer Vortruppen wieder aufgegeben. Das heftige Feuer derFranzosen aus Chassepots und Geschützen richtete bei uns keinen großenSchaden an. Die fortwährende Bewegung, die in den französischen Massenherrschte, schien uns ein Beweis, daß der Franzmann auf seinen Höhen, woer in Ermangelung von Dörfern biwakiert haben mußte, noch mehr unterder Kälte litt als wir im Tal. Ich weiß nicht, wer geäußert hat, daß dieSchadenfreude die einzige reine Freude sei. Die Überzeugung, daß die Fran-zosen noch mehr froren als wir, hob unsere Stimmung. Was uns vor allembefriedigte, war, daß, wenn wir dem in starker Stellung weit überlegenenFeind auch eine entscheidende Niederlage nicht beigebracht hatten, dochunser Hauptzweck, die Vertreibung des Feindes aus der unmittelbarenNähe von Amiens , in der Schlacht an der Hallue erreicht worden war.Mit siebenunddreißig Offizieren und neunhundert Mann, die vor demFeind geblieben waren, hatte das rheinische Armeekorps dieses Resultaterkauft.