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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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WEIHNACHTSABEND

Ich verbrachte den Weihnachtsabend in einem ärmlichen Dorf, dasAltonville hieß, einem Nest, wo immerhin im Gegensatz zu den zer-schossenen Dörfern an der Hallue die Häuser noch standen, wo wir ineinem Keller einen größeren Weinvorrat entdeckten und Hühner requi-rierten, je einen Vogel für zwei Husaren. Im übrigen war unsere schönsteWeihnachtsfreude der am Abend erlassene Befehl des Generals von Goeben,in dem unser Führer feststellte, daß die Schlacht vom 23. Dezemberfür die schwarz-weiße Fahne siegreich gewesen war. Ich dachte aber dochin Wehmut meiner guten Eltern, die in Berlin vor dem Weihnachtsbaumstanden ohne ihre einzige Tochter, die ihnen am Anfang dieses Jahres ent-rissen worden war, ohne ihre beiden ältesten Söhne.

Der Morgen des 25. Dezember brach an mit noch stärkerer Kälte und25. Dezember mit demselben eisigen Nordostwind. Mein im übrigen sehr ordentUcherBursche, ein Ostpreuße namens Kühn, hatte meinen dicken Mantel imMarschquartier Bussy liegenlassen, so daß ich länger als eine Woche imdünnen Regenmantel reiten mußte. Meine Kameraden von der 1. Schwa-dron pflegten mir noch nach vielen Jahren scherzend zu sagen: wenn sie anmeinen Regenmantel vom Dezember 1870 dächten, so fröre sie jetzt noch.

Schon am vorhergegangenen Nachmittag hatte eine von Leutnantvon Steinberg geführte Patrouille, in der ich ritt, festgestellt, daß die Höhevon Pont-Noyelles unbesetzt war. Erst bei dem Dorfe La Houssoye er-hielten wir Feuer. In der Nacht eingegangene Meldungen Ueßen keinenZweifel über den beginnenden Rückzug des Feindes. Die um zehn Uhr inVormarsch Daours eingetroffene 30. Brigade erhielt den Befehl, nach Albert zu rücken,nach Albert un( J trat auf dem Unken Hallue-Ufer den Vormarsch über Pont-Noyelles an.

Voran trabten die l.und die 2. Eskadron Königshusaren unter der Führungdes Obersten. Unser Ritt führte uns über das Gefechtsfeld der Franzosen .Wir konnten uns von der sehr starken Position überzeugen, die der Feindinnegehabt hatte. Von der Wirkung unserer braven Artillerie zeugte einegroße Anzahl Toter. Zum erstenmal sah ich unmittelbar nach dem Kampfein mit Leichen bedecktes Schlachtfeld. Von einigen arg verstümmelten ab-gesehen, machten mir die Toten in keiner Weise einen häßlichen oder garabschreckenden Eindruck. Auf den Gesichtern der Deutschen wie der Fran-zosen lag jener innere Friede, von dem Wallenstein spricht, als er dieKunde von dem Tode seines Lieblings, des Max Piccolomini, erhält:Erist der Glückliche! Er hat vollendet! Weg ist er über Wunsch und Furcht.Oh, ihm ist wohl!" Und aus manchem deutschen Antlitz sprach jene Selig-keit, die Faust denjenigen beneiden läßt, dem der Tod im Siegesglanzden blutigen Lorbeer um die Schläfe windet. Ich will aber nicht ver-schweigen, daß, während wir am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertagesüber Leichen ritten, ich trotz meiner kriegerischen Begeisterung der Engel