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DER FALL KOTZE
deutlich vor mir, wie er, die Pelzmütze im Nacken, den Säbel in der Faust,auf seiner alten, aber noch immer flotten „Vigoureuse" vorbeigaloppiert.
Als wir nach dem Kriege bei der 3. Schwadron zusammenstanden, tratenwir uns noch näher. Wie oft sind wir im Frühjahr 1872 nebeneinander vorunseren Zügen geritten, ich vor dem 1., er vor dem 2. Zuge. Schräder isteiner der ersten gewesen, die mir eine größere Zukunft voraussagten. Schonin Bonn gab er nach jedem Liebesmahl mit seiner lauten Stimme der Über-zeugung Ausdruck, daß ich Reichskanzler werden würde. Als ich vielspäter, damals Botschafter in Rom , im Jahre 1895 meinem alten FreundSchräder, der inzwischen Zeremonienmeister geworden war, in Berlin imHause des sächsischen Gesandten, des Grafen Wilhelm Hohenthal , wiederbegegnete, setzte er mich dadurch in Verlegenheit, daß er in Gegenwart desStaatssekretärs von Marschall der schönen Gräfin Lotka Hohenau, mitdem Finger auf mich weisend, in der ihm eigenen ungenierten Art mit er-hobener Stimme zurief: „Sehen Sie sich Bernhard Bülow genau an, der istin einigen Jahren Reichskanzler." Marschall, ein Mann von großen Fähig-keiten und noch größeren Ambitionen, der selbst Kanzler werden wollte,warf mir einen so pikierten und dabei mißtrauischen Blick zu, daß ich michdes Lächelns nicht erwehren konnte. Der forsche und lustige Schräderwurde 1896 von dem Kammerherrn von Kotze in einem Duell erschossen,das den Abschluß skandalöser Vorgänge in der Hofgesellschaft bildete, wiesie unter Wilhelm I. unmöglich gewesen wären, wie sie aber unter dem allzuraschen und dabei inkonsequenten Wilhelm II. schon in den Anfängenseiner Regierung Böses für die Zukunft ahnen ließen. Ich will ausdrücklichfeststellen, daß das Verhalten des Freiherrn Karl von Schräder in dieserganzen Angelegenheit tadellos gewesen ist. Sein Gegner Kotze hat sichgleichfalls korrekt benommen. Auch mit ihm, der gleichzeitig mit meinemBruder Adolf bei den 2. Gardedragonern stand, war ich seit meiner erstenJugend befreundet. Er war ein guter Kerl, der sich durch seine naive Ver-götterung Wilhelms II. dessen besondere Gunst eine Zeitlang erworbenhatte, was Seine Majestät aber nicht abhielt, den Unglücklichen, als eingänzlich unbegründetes Gerücht ihn als den Verfasser anonymer Schmäh-briefe bezeichnete, die das höfische Berlin in Aufregung versetzten, ver-haften und einsperren zu lassen.