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VOM PUTENBRATEN WEG
Pferden entstanden sind. So sehr ich die Entschlossenheit unserer Leuteanerkenne, welche trotz aller Erfahrungen rücksichtslos in die Dörfer hin-einreiten, so gebietet doch die praktische Klugheit, daß wir, um unnötigeVerluste zu vermeiden, dem feindlichen System die Spitze abzubrechen ver-suchen." Es hieß dann weiter, daß das Absuchen besetzter Dörfer bei ge-mischten Detachements Sache der Infanterie sei. Die Husaren hätten ambesten durch Umreiten verdächtiger örtlichkeiten nur zu konstatieren, obder Feind in dem Dorf stecke. Der Oberst von Loe hatte sich über dieFindigkeit seiner rheinischen Husaren nicht getäuscht. Die Einzelverlustenahmen in den nächsten, besonders schwierigen Tagen ab. Und die Mel-dungen blieben zuverlässig und schnell.
Am 2. Januar kam die Meldung von dem Anmarsch starker französischerAlarm Kolonnen. Ich saß gerade bei einem prächtigen Putenbraten, zu dem michmein Leutnant eingeladen hatte. Dieser Leutnant, Graf Ernst Steinberg,war der letzte männliche Sproß einer alten niedersächsischen Familie. Erverband die guten Formen des Hannoveraners mit der fröhlichen Art desRheinländers, die ihm während der vier Jahre, die er schon in Bonn verlebthatte, sympathisch geworden war. Steinberg und ich wurden ein Jahrzehntspäter Kollegen in Paris , er als Attache, ich als Sekretär der Botschaft. Ichhabe selten einen liebenswürdigeren Mann gekannt. Während dieser bestealler Menschen sich mit mir die französische Pute, kräftig begossen mitgutem Landwein, schmecken ließ, wurden wir alarmiert. Oberst von Loeformierte aus einem Zug der 1. Eskadron, leider nicht aus dem Zuge, in demich ritt, und aus dem Vorpostenzuge der 2. Eskadron eine halbe Eskadronund befahl dem Leutnant Graf Pourtales, sie nach der Höhe östlichSapignies zu führen und sich dort zur Verfügung der Artillerie zu halten.Als bald nachher unsere Artillerie durch vordringende französische Infan-terie in arge Bedrängnis geriet, wandte sich der Abteilungskommandeur umHilfe an die beiden Husarenzüge, die hinter einer Terrainfalte standen. GrafPourtales zögerte keinen Augenblick. „Zur Attacke, marsch, marsch!" er-scholl sein Kommando, und in Karriere warf sich die Schwadron auf denFeind, die Offiziere weit voraus, hinter ihnen mit Hurra die fünfzig Husaren.Was sie nicht niederritten, flüchtete in wilder Hast.
Der Angriff überraschte derart den Feind, daß aus seinen Kolonnen an-Die Fran- fangs kein Schuß fiel. Graf Pourtales sammelte seine Husaren und führtezosen flüchten s j e i m Schritt zurück, begrüßt von dem freudigen „Lehmop!" der Artillerie,die sofort Front gemacht hatte und Lage um Lage in den Feind schickte.Die Kompagnie Achtundzwanziger ging wieder vor. Einen Moment nochstanden die Franzosen, dann flüchteten sie zurück in voller Auflösung. Mitrascher Entschlossenheit nützte General von Kummer diesen Augenblick:„Das Ganze avancieren!" klang das Signal. Die Infanterie warf unter