VERLORENE BRIEFE
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Hurra mit dem Bajonett den Feind unter großen Verlusten auch ausBehagnies heraus. Zahlreiche Gefangene blieben zurück. Zwei Bataillone,zwölf Geschütze und fünfzig Königshusaren hatten den Angriff einer Divi-sion abgeschlagen. Graf Max Pourtales war aus dem Holz, aus dem Graf MaxNapoleon I. seine Marschälle zu schnitzen hebte. Schlank und elastisch, mit Pourtaldskeckem, aufgesetztem schwarzem Schnurrbart und kühnen Augen, immerein Lächeln um den Mund, zog er auf der Poppelsdorfer Allee zu Bonn amRhein wie in den Straßen von Amiens und Rouen die Blicke der Frauenund Mädchen auf sich. Sohn eines Neufchateller Vaters und einer Genfer Mutter, sprach er Deutsch mit französischem Akzent, aber sein Herz wardurch und durch preußisch. Als unser Regiment im Februar 1871 nachTreport kam, führte Max Pourtales seine Schwadron, die 2. Schwadron, bisan das Meer, ritt mit den Husaren ins Wasser hinein und hielt dann einekleine Ansprache an sie, die mit den Worten begann: „Usaren (er konntedas „H" nicht recht aussprechen), bis an die Meer abe ik euch geführt."Dieser herrliche Offizier, der von innerem Feuer glühte, dem Feuer derRuhmbegierde und des Ehrgeizes, dem eine glänzende militärische Zukunftzu winken schien, wurde wenige Jahre nach dem Kriege von einem tücki-schen inneren Leiden befallen, das ihn zwang, den Dienst zu verlassen. Werihn gekannt hat, wird ihn nicht vergessen. Die Geschichte des Königs-husaren-Regiments gedenkt mit Stolz des Tages von Sapignies und desGrafen Max Pourtales, der seitdem im Regiment der „Duc de Sapignies"hieß.
Mein guter Vater hat meine Feldzugsbriefe sorgsam gesammelt. Als ichnach seinem Tode seinen Nachlaß ordnete, stellte es sich heraus, daß zweifür mich besonders interessante Briefe fehlten: ein Brief, der meine Ordon-nanzritte im November eingehender schilderte, und mein Bericht über dieSchlacht an der Hallue. Ich möchte annehmen, daß mein Vater diese Briefeentweder an meinen im Felde stehenden Bruder Adolf oder, was mir wahr-scheinlicher ist, an den Herzog Georg von Mecklenburg-Strelitz nach Herzog GeorgSt. Petersburg geschickt hat. Der Herzog Georg hatte sich 1851 mit der »<"»Großfürstin Katharina Michailowna von Rußland verheiratet und war Meyenburg gleichzeitig in russische Dienste getreten. Obwohl Legitimist vom reinstenWasser und als solcher ein Gegner der Bismarckschen Politik von 1866,stand er, der Neffe der Königin Luise, im Deutsch -Französischen Kriegeauf deutscher Seite. Was ihm mein seit langem mit ihm befreundeter Vaterüber seine Eindrücke schrieb, brachte er gern zur Kenntnis des KaisersAlexander IL, der, Sohn einer preußischen Prinzessin und Enkel derKönigin Luise, während des Deutsch-Französischen Krieges zu Deutsch-land, richtiger zu Preußen , neigte und den Schreiben von der preußischenFront interessierten und erfreuten. Dagegen hegen mir meine Briefe über
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