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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER ALTE WRANGEL

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herrschenden Parteien, Sozialdemokratie, Zentrum und Demokratie, ihreLeute unterbringen und das begründen wollten, was der Franzose so hübschla Republique des camarades" nennt, schwoll das Preßbüro auf ein Personalvon mehr als zweihundert Köpfen an. Die bescheidenen Räume desAuswärtigen Amtes genügten natürlich nicht für einen solchen Schwärm,und es wurde das Preßbüro in dem großen Palais des Prinzen Karl amWilhelmsplatz untergebracht, wo die Herren ihre Tage mit Zigaretten-rauchen und Kannegießern nützlich verbrachten. So weit meine Er-innerungen zurückreichen, ist unsere Presse nie schlechter geleitet undunsere Auslandspropaganda nie ungeschickter betrieben worden als in denersten Jahren des republikanischen Volksstaats.

Der junge Wrangel", wie ich ihn in meinem Rrief an meine Elternnannte, war der Enkel des Feldmarschalls. Es gab nichts Verschiedeneres Gustavals den alten und den jungen Wrangel. Der alte war der Reorganisator der Wrangelpreußischen Kavallerie, um die er sich unvergängliche Verdienste erworbenhat, ein Haudegen, der schon 1807, als Leutnant im L'Estocqschen Korps,bei Heilsberg den Orden pour le merite erhalten, sich im Refreiungskriegeals Oberst bei Großgörschen und Leipzig hervorgetan hatte und der nochsechzig Jahre später in der Schlacht von Trautenau auf die Österreichermit einhauen wollte. Unter derber Hülle verbarg er viel gesunden Menschen-verstand. Seine bisweilen in komischer Form abgegebenen Urteile trafennicht selten den Nagel auf den Kopf. Er hat in den Novembertagen von1848 als Gouverneur von Rerlin und Oberbefehlshaber in den Markengegenüber der Revolution mehr Umsicht und vor allem mehr Energie anden Tag gelegt als siebzig Jahre später Prinz Max von Raden und, unterdessen Einfluß, leider auch der Generaloberst von Linsingen. Der jungeWrangel war zart, unendlich höflich, etwas banal. Er tat Dienst alsKammerjunker beim Königlichen Oberzeremonienamt, und man nannteihn den Zeremoniensäugling. Er war ein guter und feiner Mensch. Er ist injungen Jahren gestorben, nachdem er in der letzten Zeit seines Lebens inschließlich unheilbare Melancholie verfallen war. Meine Eltern bewohnten,wie ich schon erwähnt zu haben glaube, in den Jahren vor und nachdem Deutsch -Französischen Kriege das damalige Arnimsche Palais. In un-mittelbarer Nähe hatte, auch am Pariser Platz, der FeldmarschallWrangel seine Dienstwohnung. Als Freund des jungen Gustav Wrangelhabe ich vor dem Kriege als Student, später als Husarenleutnant, manchenAbend dort verlebt.

Ich habe nicht die Absicht, die Zahl der Wrangel-Anekdoten um neuezu vermehren. Nur zwei gestatte ich mir anzuführen, weil sie weniger be-kannt sind. Ein mehr durch schönes Äußeres und forsches Auftreten als durchwirkliche Tüchtigkeit ausgezeichneter Rerliner Regimentskommandeur