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FÄHNRICH VON BÜLOW
Freitag, den 6. Januar 71. Liebe Eltern, gestern war keine Gelegenheit,Bray-sur- diesen Brief zu befördern, darum beute nocb zwei Worte. Wir sind beute
Somme von Cappy nacb Bray-sur-Somme marschiert, eine kleine, ganz netteStadt, wo wir gute Quartiere haben. Gestern erhielt ich auch Vaters liebenBrief, der mich durch seine guten Nachrichten sehr erfreute. Desgleichenerhielt ich ein Taschentuch, Schokolade und Zigarren sowie Zeitungen, fürdie ich Euch tausendmal danke. Vielleicht schickt Ihr mir noch ein Taschen-tuch, Schokolade und Zigarren erfreuen mich auch sehr. Der Oberst hatsehr viel Güte für mich. Nachdem er mich zweimal zu Tisch eingeladen,was ich nicht annehmen konnte, da die Schwadron zu weit vom Stabe lag,ließ er mich heute, als der Stab mit uns zusammenlag, wieder bitten undwar bei Tisch sehr freundlich. Er sagte, er habe mich wegen meiner gutenHaltung vor dem Feind zum Unteroffizier ernannt und mich wegen Bravourin der Schlacht an der Hallue zum Portepeefähnrich eingegeben. Nun aberadieu, liebste Eltern. Bitte, sorgt Euch nicht um mich in diesem Monat,der für uns wegen der beben Bertha schon so traurig ist. Der liebe Gott, dermich bisher gnädig behütet hat, wird mich gewiß auch weiter beschützen.Tausend Grüße an alle von Eurem treuen Sohn Bernhard von Bülow.
Unter den Verwundeten vom Dritten ist auch ein Herr von Sanden-Tussainen, Einjährig-Freiwilliger bei unserer Schwadron, Vetter desjungen Wrangel. Er hat einen Schuß in den Oberschenkel. Der Arzt gibtaber so weit gute Hoffnung. Vielleicht sagt Ihr es dem jungen Wrangel, denich sehr grüßen lasse. Herr von Sanden liegt im Lazarett in Bapaume, istmit Geld versehen. Der Major bat an seinen Schwager, Professor Aegidi,geschrieben. Euer treuer Sohn Bernhard."
Die Hoffnung, daß der Einjährige von Sanden dem Leben erhaltenwerden würde, erfüllte sich nicht. Der Arme, der neben mir geritten hatte,erlag bald nachher seiner Verwundung. Sein Schwager, der ProfessorLudwig Karl Aegidi, der bekannte Staatsrechtslehrer und Herausgeber des„Staatsarchivs", war ein großer Gelehrter, aber klein von Wuchs und hießProfessor deshalb allgemein der kleine Aegidi. Von 1871 bis 1878 leitete er unter
Aegidi Bismarck das Preßbüro des Auswärtigen Amtes. Das Preßbüro bestanddamals aus einem Leiter und einem Hilfsbeamten. Unter Caprivi trat nocbein zweiter Hilfsbeamter dazu. Während meiner Beichskanzlerzeit leiteteder Geheimrat Hammann, den ich von Caprivi und Hohenlohe übernommenhatte, als Chef mit zwei tüchtigen Hilfskräften, den LegationsrätenEsternaux und Heilbron, das Preßdepartement. Außerdem gehörte diesemnoch ein im Deutsch- Französischen Kriege schwerverwundeter Hauptmannan, dessen Aufgabe darin bestand, beachtenswertere Zeitungsartikel aus-zuschneiden und aufzukleben. Ich pflegte zu sagen, mein Preßbüro bestündeaus drei und einem halben Mann. Als nach dem Novemberumsturz die drei