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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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KAMERADEN

Nimptsch zu beleidigen. Nelidow, der gar keine Lust verspürte, sich vordie Pistole von Nimptsch zu stellen, versprach, daß die Gräfin Nostitz inseinem Hause freundliche Aufnahme finden würde.Immer Kavalier",war der Wahlspruch von Guido Nimptsch!

Sehr verschieden von ihm war der Neffe unseres Kommandeurs,

Dietrich Log, Dietrich von Loe. Er führte den NamenSchlacks". Das galt sowohlDietrich seiner etwas ungelenken Haltung wie seinem wüsten Draufgehen. Er hätteMetternich, UIlter Frundsberg einen prächtigen Landsknecht abgegeben. Dagegen glich

Scharfenberg ^ anderer Neffe des Kommandeurs, der Graf Dietrich von Wolff-Metternich, einem französischen Marquis des achtzehnten Jahrhunderts.Er hätte, ohne aufzufallen, ein Menuett im großen Saal des Schlosses vonVersailles unter Louis XV mittanzen können. Er war ein flotter Husar, eintrefflicher Reiter und kühner Feldsoldat, immer gut aufgelegt, immer ver-bindlich. Bei Reisen des Kaisers Wilhelm II. und seiner Gemahlin nach derRheinprovinz pflegte er bei der Kaiserin Auguste Viktoria Dienst alsKammerherr zu tun. Jünger als ich, ist er zu meinem Schmerz bald nachdem Ende des Weltkrieges gestorben. Ich habe mich immer gefreut, wennich ihn wiedersah. Anders geartet als Dietrich Metternich, Dietrich Loeund Guido Nimptsch war Karl Xaver Scharffenberg. Der Sohn einesBremer Vaters, der es in Kuba zu Wohlstand gebracht hatte, und eineramerikanischen Mutter, war er bürgerlich im besten und schönsten Sinnedes Wortes. Er war tüchtig und pflichttreu, leichter Sinn und Frivolitätwaren ihm verhaßt. Wie Frau Marthe imFaust" Hebte er weder fremdeWeiber noch das verfluchte Würfelspiel. Er schätzte meine geistige Reg-samkeit, aber er fand mich zu nachsichtig für Karl Schräder und GuidoNimptsch, die er für lockere Zeisige erklärte, den ersteren überdies für einenZyniker, den letzteren für einen Taugenichts. Scharfl'enberg war einIdealist. Als ich ihn einmal mit anderen Kameraden auf seiner Bude inBonn aufsuchte, entdeckten wir an seinem Schreibtisch einen aufgeklebtenPergamentstreifen, auf dem mit großen Buchstaben stand:Wirf die Perlennicht vor die Säue." Ich sagte ihm auf den Kopf zu, daß er mit den Perlenseine eigenen erhabenen Gedanken und Grundsätze meine, mit den Säuenaber seine Kameraden. Gut und aufrichtig wie er war, erwiderte er:Ja,das ist wahr. Ich fürchte meine Ideale zu entweihen, wenn ich sie vor euchaufdecke." Scharffenberg hat sich zehn Jahre nach dem Deutsch- Fran-zösischen Kriege auf einem idyllischen Gute in Hessen, Kalkhoff bei Wan-fried, zur Ruhe gesetzt und mich auch während meiner Amtszeit durchfreundschaftliche und vertrauensvolle Briefe erfreut. Er stand seit seinerJugend der Fürstin-Mutter von Wied, geborenen Prinzessin von Nassau, naheund durch sie dem Freiherrn Franz von Roggenbach, dem Gegner von Bis-marck, aber Freund des Großherzogs Friedrich und der Großherzogin Luise