DER ÄLTESTE RITTMEISTER
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zumal aber ein famoses Gewehr, das sie freilich schlecht genug benutzen.Gambetta soll in Lille sein. Ist es wahr, wird der Tanz wohl bald wiederlosgehen. Uns soll es recht sein, denn wir haben ja jetzt zwei Armeekorps,sehr starke Artillerie, gute Positionen und einen famosen General. DieFranzosen sollen Kavallerie haben. Wir alle brennen sehr darauf, ihr insAuge zu sehen. Die 4. Eskadron hat am 19. das Glück gehabt, auf Dragonerzu attackieren. Zum Ersten kriegen wir Ersatz an Leuten und Pferden,namentlich letzteres tut sehr not. Seit Metz haben wir zweiundfünfzigMarsch- und einundzwanzig Ruhetage gehabt, von den letzteren überzwölf mit Patrouillereiten usw., also nicht zu rechnen, von den ersterenauch etwa zwölf bis fünfzehn derart, daß wir morgens bei Dunkelheit aus-und abends bei Dunkelheit einrückten. Gefechte haben wir acht gehabt:Mareuille, Amiens, Forges-les-Eaux (bei Rouen ), Pont-Noyelles (2. Januar),Bapaume , Tertry, Pouilly (18. Januar), Saint-Quentin. Wir haben nachand nach alles gehabt: Regen, Schnee und fabelhaften Frost. Am schlimmstenwar es wohl um Weihnachten, wo man es vor Kälte kaum aushalten konnte.Jetzt ist es eigentlich milde. Ich habe hier verhältnismäßig ganz gutesQuartier, Hühner genug, auch Wein, und befinde mich, wie gesagt, sehrwohl. Neue Montierungsstücke brauche ich nicht.
Seit Metz hat das Regiment verloren: Schwerverwundet drei Offiziere,ein Vizewachtmeister, drei Wachtmeister, vier Einjährig-Freiwillige; totein Vizewachtmeister, ein Einjährig-Freiwilliger, vier Unteroffiziere; ge-fangen fünf bis sechs Mann. Von den Husaren tot acht, zwanzig bis fünf-undzwanzig schwerer verwundet. Mit Sanden soll es besser gehen. VieleEmpfehlungen an die Gräfin Wrangel (in gewählter Form) und Grüße anihren Sohn. Viele Grüße an Großmama in Plön . Tausend Grüße und besteWünsche von Eurem treuen Sohn."
Wie Sapignies dem Grafen Max Pourtales Gelegenheit gegeben hatte,sich hervorzutun, so wurde das Gefecht bei Tertry-Pouilly am 18. Januar Ferdinandzum Ehrentag für Ferdinand Rudolphi, den ältesten Rittmeister des RudolphiRegiments. Er war der einzige Offizier, der schon in Posen beim Regimentgestanden hatte und mit diesem 1852 in Bonn eingezogen war. Kaum einJahr später wäre es ihm fast an den Kragen gegangen. König FriedrichWilhelm IV. besichtigte das Regiment. Sein Generaladjutant, der Generalvon C, richtete während der Besichtigung huldvoll einigermaßen banaleFragen an die Offiziere. Den Leutnant Rudolphi frug er, ob er verheiratetwäre. „Nein", erwiderte der Gefragte, „aber ich schätze sehr die ehelichenFreuden." Der General von C. huldigte, wie manche andere Herren derUmgebung Friedrich Wilhelms IV., einer ausgesprochen pietistischenRichtung. Die Antwort des Leutnants Rudolphi, die einem flotten Husarennur ein Mucker oder ein Pedant übernehmen konnte, entsetzte den General