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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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VOR PARIS.WAS NEUES

Paris kapitu-liert, Waffen-stillstand

In den nächsten Tagen wurden wieder viele Patrouillen geritten. Ichentsinne mich gut einer Patrouille, die ich gegen Arras führte. Die Luftwar in diesen Tagen ganz klar. Deutlich sah ich vor mir den Glockenturmvon Arras, der Heimat von Maximilien Robespierre . Ich erblickte aucheinen Zug von elf bis zwölf Männern, die einen Gefangenen in ihrer Mitteführten. Landleute, die auf den Feldern arbeiteten und die ich um Auskunftersuchte, sagten mir, es handle sich um einenTraitre ", der seiner wohl-verdienten Strafe entgegengeführt werden solle. Die Spionenfurcht undSpionenriecherei, die sich in Frankreich im Weltkrieg zur Psychose ent-wickelt hat, grassierte dort schon 1870/71. Die Bauern behaupteten, Arras sei voll von Truppen. Der General Faidherbe habe dort sein Hauptquartier.Außer Patrouillen mußten wir Requisitionskommandos stellen. Wir bildetenauch auf Befehl des Oberkommandos gemischte Detachements, die in dennach dem Feind zu gelegenen Arrondissements Kontributionen eintrieben.Es wurden fünfundzwanzig Francs pro Kopf eingetrieben, um auf dieseWeise bei den zum Teil vom Kriege noch gar nicht beschädigten Bewohnerndie Friedensliebe zu fördern. Wir nannten diese Kolonnen dieBeruhigungs-kolonnen". Mit einer solchen Kolonne, die aus einer Batterie, zwei Batail-lonen und unserer 1. Eskadron bestand, trieb Oberst von Loe im KantonCroissiles hunderttausend Francs ein. Der Ort war nicht imstande, die ge-forderte Summe gleich zu zahlen, versprach aber, sie binnen drei Tagen ab-zuliefern, und stellte als Bürgschaft fünf der angesehensten Bürger alsGeiseln. Die hunderttausend Francs wurden innerhalb dieser Frist aus-gezahlt, und die Geiseln kehrten natürlich in ihre Heimat zurück.

Patrouillen und Requisitionen wurden nach wie vor in hohem Gradedurch die WitterungsVerhältnisse erschwert. Trockene Kälte wechselte mitstarken Schneefällen. Die Straßen waren meist spiegelglatt. Am 29. Januarhieß es, die 15. Division würde bei Doullens konzentriert werden, da derGeneral von Goeben einen Vorstoß gegen Arras, Abbeville und Boulogneplane, aber gleichzeitig wurde erzählt, daß das Artilleriefeuer vor Paris nach einer in Amiens eingetroffenen telegraphischen Nachricht seit derNacht vom 26. auf den 27. Januar schweige und daß Unterhandlungen überden Abschluß eines Waffenstillstandes geführt würden.

Am Morgen des 30. Januar lief von Mund zu Mund die Nachricht, daßParis kapituliert habe. Endlichvor Paris was Neues!" Gleichzeitig ver-breitete sich die Kunde von dem in Versailles abgeschlossenen Waffenstill-stand. Unmittelbar nachher erschienen französische Parlamentäre, um überdie Demarkationslinie zu verhandeln. Um, wie er sich ausdrückte, einen an-genehmen Status quo zu schaffen, befahl General von Goeben das Wieder-vorschieben einzelner Armeeteile. Am 31. Januar mittags zwölf Uhr tratder von General Faidherbe anerkannte dreiwöchige Waffenstillstand