EINQUARTIERUNG
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in Kraft. Die Franzosen räumten Abbeville , wir dagegen die Departementsdu Nord und Pas de Calais. Eine neutrale Zone von zwanzig KilometerBreite trennte die beiden Heere. Bei starkem, aber warmem Regen mar-schierten wir in der Richtung auf Amiens und bezogen Quartiere in kleinennordöstlich und östlich von Amiens gelegenen Dörfern.
Am anderen Tage marschierten wir weiter auf Aumale, ein hübschesStädtchen, dem der als General wie als Historiker bekannte vierte Sohn Aumaledes Königs Ludwig Philipp seinen Titel dankte. Aumale hat in der fran-zösischen Geschichte eine gewisse Rolle gespielt. Karl der Kühne verbranntedie an der Bresle gelegene kleine Stadt, die dann hundert Jahre späterdem verwundeten Heinrich IV. ein Asyl vor den ihn verfolgenden Liguistenbot. Ce roi galant, qui fit le diable ä quatre, hatte bekanntlich eine aus-gesprochene Vorliebe für das weibliche Geschlecht. Die Frauen erwiesensich dankbar. Jeanne Leclerc, die schönste Bürgerstochter von Aumale, ließfür den Einlaß begehrenden König selbst die Zugbrücke herunter.
Am 9. Februar trafen wir inLeTreport ein, der reizend am Einfluß derBresle in den Kanal gelegenen Hafenstadt. Wir bewunderten die schöne Le TriportKirche Saint-Jacques und genossen in vollen Zügen Meeres- und Frühlings-luft. Trotzdem grassierte dort der Typhus, an dem wir einen tüchtigenReserveoffizier, den Leutnant Allert, verloren. Seit dem Beginn des Waffen-stillstandes erfolgte die Einquartierung durch die Mairien und mit vollerVerpflegung. Der deutsche Soldat hatte zu fordern: morgens Kaffee undBrot, zum zweiten Frühstück Brot und ein Stück Fleisch, des MittagsFleisch, Gemüse und eine halbe Flasche Wein, des Abends eine gute Suppeund Brot, außerdem am Tage ab und zu einen kleinen Kognak. Das klingtsehr schön. Die Wirklichkeit aber blieb hinter diesem Verpflegungsideal er-heblich zurück. Bei der großen Gutmütigkeit und Genügsamkeit unsererLeute kam es trotzdem nie oder nur in Ausnahmefällen zu Ausschreitungengegenüber der französischen Bevölkerung. Ich habe namentlich auf demLande häufig gesehen, daß unsere Leute den französischen Bauern bei ihrerArbeit halfen, sich mit ihnen, so gut sie konnten, unterhielten, die Kinderauf dem Schöße hielten und mit den Kindern spielten. Die Bauern warendurchweg friedlich gesinnt und wünschten brennend das Aufhören desKrieges. In den Städten, auch in den kleineren Städten, überwog ein zumTeil leidenschaftlicher Patriotismus, hier galt Gambetta für den Retter derfranzösischen Ehre, während die Landbewohner ihn zum Kuckuckwünschten.
Mitte Februar bezog unsere 1. Eskadron mit dem Stabe die StadtAbbeville, einst Sitz eines mächtigen Abtes. Daher auch der Name Abbeville (Abatis Villa). Hier begann wieder der Friedensdienst, der uns im Gegen-satz zu dem sehr viel interessanteren und unterhaltenderen Kriegsdienst