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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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STALLDIENST

nicht besonders gefiel. Aber eine Allerhöchste Kabinettsorder hatte be-fohlen, daß das Retablissement der Truppen mit allen nur möglichenMitteln und auf das strengste zu betreiben wäre. Ich schrieb aus Abbevillenach Hause:Abbeville ist ein ganz nettes Städtchen, aber ziemlich triste,weniger wegen des Krieges als wegen der sehr stark grassierenden Pocken.Ängstigt Euch aber ja nicht deshalb, da ich vor neun Monaten von demberühmten Dr. Blumenthal in Berlin geimpft worden bin. Übrigens sinddie Pocken in ganz Frankreich verbreitet. Man spricht nur nicht davon.Hoffentlich werden sie nicht nach Deutschland geschleppt. Nicht langenach der Schlacht von Saint-Quentin wurde ich in einem Bauernhause ein-quartiert. Als ich das mir angewiesene Zimmer betrat, sah ich in einemzweiten Bett an der gegenüberliegenden Wand einen älteren Mann liegen.Auf meine Frage, wer mein Stubengenosse sei, wurde mir die Antwort, daßes ein Onkel des Hauses sei, der an Migräne litte. Am nächsten Morgenstellte es sich heraus, daß der Arme in der Nacht lautlos verschieden war.Er war an den Pocken gestorben.

Völlig unbekümmert um die in Abbeville und Umgegend herrschendeDrill wie Epidemie besichtigte Oberst von Loe während unseres dortigen Aufent-in Bonn haltes die 2. und 3., Major Dincklage die 1. und 4. Eskadron in allen Detailswie bei einer ökonomischen Musterung. Obwohl der Oberst in jeder Be-ziehung sehr hohe Anforderungen stellte, konnte er seinen Bericht doch mitden Worten schließen:Die Bekleidung des Regiments und die Ausrüstungder Mannschaften und Pferde ist im allgemeinen gut und kriegsbrauchbar.Der Beschlag ist ein durchweg vorzüglicher zu nennen, und jede Eskadronhat einen neuen Beschlag auf den Pferden, einen zweiten in den Eisen- undPacktaschen und etwa die Hälfte einer dritten Garnitur Eisen auf denWagen. So konnte nach den Tagen der Ruhe das Regiment dem Wieder-ausbruch der Feindseligkeiten getrost und zuversichtlich entgegensehen.Solche Kleinarbeit war nicht ganz nach dem Sinne der Fähnriche. DemGroßfürsten Konstantin Pawlowitsch wird die Äußerung zugeschrieben:Je deteste la guerre, eile gäte les armees. Das war natürlich der höchsteAusdruck blöden Gamaschendienstes. Aber gewiß ist, daß unsere Heeres-leitung, als sie noch in Feindesland den Friedensdienst wieder aufnahm,weiter sah als der junge Fähnrich, der Anfang März brummig an seineEltern schrieb:Wir werden gedrillt wie kaum in Bonn und kommen garnicht aus der Kaserne. Morgens nach dem Stalldienst (von fünf bis halbsieben) wird exerziert (von halb neun bis zwölf), dann mittags Dienst voneins bis sieben Uhr, fortwährend Appell, Besichtigung usw. Man würde esder Schwadron aber auch schwerlich ansehen, daß sie einen siebenmona-tigen Feldzug hinter sich hat. Sonntags gehen wir immer zur Kirche, woder Divisions-Prediger ganz gut spricht. Der Schluß meines Briefes war