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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DAS VERLANGEN NACH DER DIKTATUR

Auch in Amiens gärte es unter den Arbeitern. Der Maire von Amiens ,Monsieur Dauphin, mit dem ich die besten Beziehungen unterhielt, warbesorgt vor kommunistischen Unruhen. Er schrieb mir in diesem Sinne undbat mich, solchen Unruhen durch strenge Überwachung und eventuelleenergische Repression kommunistischer Aufstandsversuche zu begegnen.Als die Pariser Commune von Thiers mit der rücksichtslosen Energieunterdrückt worden war, die in Frankreich bei inneren Konflikten meistzur Anwendung zu kommen pflegt, erschien Monsieur Dauphin bei mir undbat mich, ihm seinen Brief zurückzugeben. Wenn sein Schreiben jebekannt würde, so wäre es um seine politische Zukunft geschehen. Ich habedem würdigen Manne sein Schreiben zurückgegeben, und er ist später mehr-mals Minister gewesen, ohne daß das Damoklesschwert einer unliebsamenEnthüllung über ihm geschwebt hätte.

Über den Eindruck, den die Pariser Commune zunächst in der ProvinzDie Zerstörung machte, schrieb ich Ende Mai:Die Bauern freuen sich sehr über die Zer-von Paris Störung von Paris. Alle Welt verlangt nach einer rücksichtslosen undeisernen Diktatur. Jeder sagt, Frankreich sei nie besser regiert worden alsvon 1852 bis 1855, wo Napoleon III. ganz absolutistisch regierte wie seinOnkel. Auch dem strengen Katholizismus wendet sich wieder die großeMenge zu, selbst in den Städten. Die Lebenskraft des Landes ist ungeheuer.In zehn Jahren wäre olme die fünf Milliarden der Krieg vergessen. Dazukommt, daß ihre Verluste doch nicht so groß sind wie die unseren, nament-lich weniger Offiziere. Einjährige, Freiwillige usw. hatten sie ja überhauptnicht. Hier sind einige sehr nette Familien, wo ich viel verkehre. Im all-gemeinen sind die Franzosen fanatische Preußenhasser oder gänzlichindifferent gegen alles. Wie reich das Land ist, selbst hier in der Picardie, die zu den ärmeren Teilen von Frankreich gehört, ist schwer zu glauben.Dorf an Dorf, jeder Fleck Landes ist bestellt, die Gartenkultur z. B. so aus-gebildet wie wohl nirgends bei uns. Bis auf drei bis vier Meilen in der Um-gegend eine Villa an der anderen, alle mit dem größten Luxus eingerichtet:Treibhäuser, Mistbeete, die schönsten Gazons, auf den kleinsten Be-sitzungen Jagd und Fischerei. Montag ich in Belloy, dem Schloß einesBarons Morgan, die schönsten Melonen, Erdbeeren und Bananen.