DIE ROTE FAHNE
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und munter. Montag aß ich mit ihm und seinem Rittmeister, dem FürstenFritz Wittgenstein, in Chantilly. Die Nacht blieb ich in einem schönenChateau eine Stunde von da, wo Paul Bülow liegt. Am Dienstagmorgenritten wir spazieren und fuhren um zwölf nach Saint-Denis. Wir fuhren vonda per Wagen nach dem Moulin d’Orgemont, von wo man Paris sehr schönsah. Es war herrliches Wetter, nur nicht sehr klar. Doch konnte man Pan-theon, Are de Triomphe, Invalidendom, Belleville, Montmartre mit bloßemAuge ganz deutlich sehen, mit dem Fernrohr die Yendöme-Säule, die roteFahne der Commune auf dem Institut und vieles andere. Der Mont DieValerien schoß ziemlich stark, und die südlichen Forts, die man aber nicht Communesehen konnte, antworteten ihm. In Asnieres, das gerade unter uns lag, warnichts los. Auch nach Argenteuil, Saint-Germain en Laye, Montmorency,
Enghien usw. war der Blick sehr hübsch.“ Als wir, mein Bruder und ich,vom Moulin d’Orgemont auf die Kämpfe zwischen den Pariser Kommu-nisten und den Versailler Regierungstruppen herabblickten, wie man imZirkus auf die Arena sieht, dachten wir nicht, daß kaum ein halbes Jahr-hundert später die Franzosen sich an den von unseren Spartakisten undKommunisten provozierten Straßenkämpfen von München und Dresden, in Thüringen und im westfälischen Industrie-Revier ergötzen würden.
Am Pfingstsonntag schrieb ich: „In Amiens geht es jetzt zu wie inFriedenszeiten, also ganz nett. Gestern war Rennen, abends wurde hei Graf Graf KarlLehndorff, der hier Zivilkommissar ist, getanzt, wozu auch zwei distin- Cehndorjjguierte französische Familien gekommen waren. Ich fahre heute nachBelloy, dem Schloß eines Herrn von Morgan, der uns sehr freundlich auf-nimmt.“ Der Zivilkommissar, Graf Karl von Lehndorff, war der älteste vondrei ausgezeichneten Brüdern. Er selbst war Majoratsbesitzer auf Steinort in Ostpreußen. Sein zweiter Bruder, Heinrich, war der bekannte und hoch-verdiente langjährige Generaladjutant des Kaisers Wilhelm I. Der dritteBruder, Graf Georg, hat sich als Oberlandstallmeister und Leiter des Haupt-gestüts Graditz Verdienste um die deutsche Pferdezucht erworben. Ichhatte ihn als Knabe bei einem Flachrennen in Mecklenburg im Sattel er-blickt. Ich habe ihn als Reichskanzler oft wiedergesehen, und er ist kurzvor Beginn des Weltkrieges gestorben, hat also wenigstens nicht denSchmerz gehabt, den Zusammenbruch des alten glücklichen Deutschland zu erleben. Graf Karl Lehndorff sagte zu meinem Vater, als dieser ihm nachder Herstellung des Friedens im Frühjahr 1871 seine innige Freude darüberausdrückte, daß der Krieg nunmehr zu Ende sei: „Im Interesse Ihrer Söhnesollten Sie den Eintritt des Friedens eher bedauern. Hätte der Krieg nochzehn Jahre gedauert, so wären sie beide als Generäle zurückgekommen.“
Die Pariser Commune war von kleineren Aufständen in vielen französi-schen Städten begleitet, insbesondere in Marseille, Saint-Etienne, Toulouse.