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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER KRIEG ZU ENDE

Ich habe bei Wiedergabe einiger über militärische Vorgänge an meineEltern gerichteten Briefe betont, daß es sich nicht um Berichte einesGeneralstäblers, sondern um Eindrücke und Momentaufnahmen einesjungen Husaren handle. Ich habe ihnen wie meinen ganzen Kriegserleb-nissen einen größeren Raum gewährt, weil ich wünsche, das meinige zurErhaltung und Belebung militärischen Geistes in unserer heranwachsendenJugend beizutragen. Wehrlos ehrlos. Wenn ich jetzt einige Briefe folgenlasse, die ich während des Waffenstillstandes aus Amiens über die politischeLage nach Hause richtete, brauche ich kaum hervorzuheben, daß ich nacheinem halben Jahrhundert mit dem Lächeln des Alters und der Erfahrungauf manche meiner damaligen Urteile zurückblicke.

Am 6. März schrieb ich:Jetzt ist ja ganz Friede. Die französischenEin Leutnant Zeitungen, die wir hier sehr regelmäßig lesen, predigen alle Rache: Silence,über die patience, vengeance! Die Bauern danken aber Gott , daß der Krieg zu EndeOkkupation j gt sich Frankreich so bald von Gebietsabtrennungen, Menschenverlust,Kontributionen, Requisitionen, fünf Milliarden, endlich schlechter Ernteund großer Sterblichkeit bei allen möglichen Epidemien erholen will, istnoch nicht abzusehen. Die Gegenden um Metz, Varennes, Reims, Amiens, das ganze Somme-Ufer, ebenso die Seine von Rouen bis Pont Audemersind gewiß auf fünfzig Jahre ruiniert. Die okkupierten Städte sind fast alleinfolge der Kontributionen überschuldet. Von dem Elend in einzelnenDistrikten sich einen Begriff zu machen, ist völlig unmöglich. Die Zähigkeitund Vitalität der Franzosen ist aber doch sehr groß. Wir essen hier auf derKommandantur zusammen, der General, die Generalin, Talleyrand, einDr. Oppler, der Garnisonsarzt hier ist, und ein Leutnant Schellong, derAuditeur der Kommandantur ist. Das Essen ist sehr gut. Wir haben einenKoch und Unterkoch, dafür aber ziemlich teuer. Frühstück und Essen proTag etwa anderthalb bis zwei Taler. Es ist das sehr viel, doch lange nichtso viel, als die meisten anderen bezahlen müssen. Seit dem Waffenstillstandsind die Offiziere, was Essen betrifft, wirklich in einer schlimmen Lage. Seitdas Requirieren aufgehört hat, stellen die Franzosen die unglaublichstenPreise. Bei den hier in der Nähe liegenden Schwadronen meines Regimenteszahlen die Offiziere zwei Taler täglich und essen dafür ganz schauderhaft.Adolf zahlt in Chantilly bis jetzt vier Taler täglich und sagt, es wäre auchnicht sehr gut. So gute Farbe wie während des Feldzuges habe ich nichtmehr. Es geht aber den meisten so, daß, während wir schlecht aßen,schliefen usw., sie wohler waren als jetzt. Reiten tue ich sehr viel. Ich schriebauch schon, daß hier hübsche Reitwege sind. In die Kirche gehe ich fastjeden Sonntag mit dem General. Geschrieben hätte ich schon eher, wennich nicht Montag und Dienstag in Chantilly und Saint-Denis gewesen wäre.Adolf, der mit seinem Regiment in Saint-Denis liegt, schien mir sehr wohl