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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EMIGRANTEN

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passieren lassen wollte, vor die Brust gestoßen hatte. Er sollte erschossenwerden. Der General von Ruville reichte ein Begnadigungsgesuch für ihnein, auf das lange keine Antwort erfolgte. Unterdessen wurde der Franzose,der in der Zitadelle untergebracht worden war, von allen sehr freundlichbehandelt. Er mit den deutschen Offizieren, die in der Zitadelle Diensttaten. Ich habe mehrfach mit ihm zusammen gegessen. Er konnte mir nichtgenug sagen, wie dankbar er für die gute Behandlung sei, die ihm zuteilwürde. Er ist schließlich begnadigt worden.

Der General von Ruville entstammte einer Emigrantenfamilie. Nichtweit von Amiens lag das Schloß seiner Ahnen, das sich in ebenso traurigemZustand befand wie das Ahnenschloß von Chamisso, das Schloß Boncourt .

Aber der General von Ruville segnete nicht mild und gerührt diejenigen,die jetzt den Pflug über den Boden führten, der einst der seinige gewesenwar. Die Erinnerung an die seinen Vorfahren zuteil gewordene üble Be-handlung erhöhte noch seine Erbitterung gegen die Franzosen. Sein Adju-tant, Graf Archambault Talleyrand-Perigord, befand sich in einer Grafheiklen Lage. Von väterlicher und mütterlicher Seite Franzose, der Sproß Talleyrand- einer großen französischen Familie, war er in jungen Jahren unter dem ^ r ^S ori ^Einfluß seiner Großmutter, der Herzogin von Sagan, nach Preußen ge-kommen und dort in die Armee eingetreten. Er war ein pflichttreuer preu-ßischer Offizier, aber sein Herz gehörte nach wie vor Frankreich. Als inAmiens die Nachricht eintraf, daß die Kommunisten Paris in Brand ge-steckt hätten, brach er vor dem General von Ruville und mir in Tränen aus.

Sobald die Deutschen Amiens verlassen hatten, beschloß der Conseil Muni-cipal von Amiens, die Place Perigord in Place Faidherbe umzutaufen, umdadurch seinen Abscheu gegen den Grafen Archambault von Talleyrand-Perigord, der deutscher Offizier geworden war, zum Ausdruck zu bringen.Archambault Talleyrand, der übrigens ein liebenswürdiger Mensch war, er-zählte mir gelegentlich einen für die Kaiserin Augusta sehr charakteristi-schen kleinen Zug. Als am Abend des 2. September die Kaiserin in ihremPalais die Glückwünsche zu dem Siege von Sedan entgegennahm, bemerktesie unter den Anwesenden auch den ihr wohlbekannten und von ihr immermit besonderer Freundlichkeit behandelten Archambault Talleyrand. Sieschritt auf ihn zu und sagte ihm auf französisch, wie sehr sie den Zwiespaltseiner Empfindungen verstehe und würdige. Das war echt Weimar. Ichglaube aber nicht, daß eine englische oder französische, italienische oderrussische Prinzessin in gleicher Lage ähnlich empfunden oder gesprochenhaben würde. Graf Archambault Talleyrand hat später die älteste Tochterdes französischen Botschafters in Berlin, des Vicomte de Gontaut-Biron,geheiratet, der bei Bismarck sehr schlecht, bei der Kaiserin Augusta sehrgut angeschrieben war.