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DER GUTE ABBE
Maire und interimistischen Prefet de la Somme, Monsieur Dauphin, bin ichsehr bekannt. Er ist ein bedeutender Mann und wird in seinem Lande sichereinmal eine Rolle spielen. Auch seine Frau ist recht distinguiert. Ein großerFreund von mir ist Monsieur de Neux, Präsident der Philharmonischen Ge-sellschaft, ein liebenswürdiger Mann mit netter Frau und Tochter. Oft binich auch bei einer Frau von Y. mit einem unbedeutenden Mann, aber zweiliebenswürdigen Töchtern. Auf diese Weise hat es mir wirklich gut gefallen,und ich kann die Zeit hier wohl zu der angenehmsten rechnen. Ich war fastjeden zweiten Mittag oder Abend irgendwo gebeten. Vergessen habe ichnoch einen Engländer, der hier angesessen ist und eine große Fabrik hat,einen Mr. Z., der gescheit und unterrichtet ist und eine sehr liebenswürdigeund schöne Frau hat. Ich war fast täglich in ihrem Hause. Ich hatte es sobesser, als wenn ich ganz auf die Cafes angewiesen gewesen wäre. DerGeneral und die Generalin sind für mich stets von der größten Liebens-würdigkeit gewesen. Der General ist bei ziemlicher Heftigkeit und unterUmständen Grobheit ein herzensguter Mann.
Des Abends pflegten ziemlich viel Leute zu kommen, so der Oberst vonRosenzweig und Major von Koppelow (Mecklenburger), vom 28. Regiment,der kluge Oberst von Witzendorf , Generalstabschef von Goeben, GeneralStrubberg, unser Oberst von Loe, den leider das Regiment verliert, amhäufigsten Graf LehndorfF, früher Präfekt, jetzt Zivil-Kommissar, sehrliebenswürdig für mich. Leider ist sein Neffe jetzt fort, ein junger GrafFritz Dönhoff, vom 2. Garde-Ulanen-Regiment, ein sehr guter Freundvon mir. Alle diese Leute gehen jetzt aber nach und nach fort. Sobaldich Näheres über meinen Abgang weiß, schreibe ich Euch. Euer treuerSohn.“
Ich erwähnte in meinem Schreiben Frau von Y. mit ihren Töchtern undMarie de Y. ein engliches Ehepaar Z. Bei Frau von Y. hatte mich ein vortrefflicher Abbeeingeführt. Ich habe Zeit meines Lebens gern Religionsgespräche geführt,vorausgesetzt, daß von beiden Teilen festgehalten wurde an dem mir teurenund oft von mir betonten Grundsatz: In necessariis unitas, in dubiis liber-tas, in omnibus caritas. Der gute Abbe suchte mich für seine Kirche zugewinnen. Ich besitze noch ein damals in Frankreich in katholischenKreisen viel gelesenes Buch, das er mir mit einer schönen Widmungschenkte. Es hieß: La Raison du catholicisme par Nicolas, ancien magistrat.Noch mehr als von der Wirkung dieses allzu weitschweifigen, hier und daetwas naiven Werkes erhoffte er von meinem Verkehr mit der Familie Y.und namentlich mit Fräulein Marie de Y. Wäre eines der schönsten Liedervon Heinrich Heine durch allzu häufiges Zitieren nicht zu abgegriffen, sowürde ich von Marie de Y. sagen: „Sie war wie eine Blume, so hold undschön und rein.“ Ich unternahm viele Spaziergänge mit ihr und ihren