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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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HIMMLISCHE UND IRDISCHE LIEBE

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Eltern. Ich durfte sie auch Sonntags zur Messe begleiten in den herrlichenDom von Amiens , der an Pracht und Reinheit des gotischen Stils vonwenigen anderen Kirchen übertroffen wird. Wir standen vor den drei Por-talen der Kirche und bewunderten Hand in Hand ihre Bilder und Ge-stalten: Die Darstellung der Schöpfungsgeschichte, der Propheten und derHeiligen, der Jahreszeiten und der Sternbilder und der Gewerbe. DieKathedrale von Amiens erschien mir als eine Schwester der Kathedrale vonReims . Es ist in der Tat schwer zu sagen, welche von beiden die schönereist. Mademoiselle Marie führte mich zumbeau Dieu, zu demschönenGott, einer gotischen Figur, die Gott-Vater, der meist als zürnender Greisabgebildet wird, als einen milden und liebenswürdigen Jüngling zeigt.Diesembeau Dieu ist nicht zuzutrauen, daß er seine Geschöpfe zu ewigenHöllenstrafen verdammen sollte. Derbeau Dieu ist der Stolz von Amiens .Ich setzte meiner jungen Freundin auseinander, daß der deutsche Wald, indem die Aste und Zweige benachbarter Bäume sich begegneten und inein-ander verschlängen, das Urbild aller gotischen Kathedralen und auch derlieben Kathedrale von Amiens wäre. Auf dem Rückwege aus der Kirchesprachen wir lange und eifrig über Religion und religiöse Fragen. Gegen-über dem Zauber der katholischen Liturgie und der in ihrem Mittelpunktstehenden Messe, für den ich nicht unempfänglich war, verteidigte ich mitLebhaftigkeit meinen evangelischen Standpunkt. Ich kam aber nichtweiter als Faust mit dem guten Gretchen, die ihm auf sein herrlichesGlaubensbekenntnis antwortet:

Wenn mans so hört, möchts leidlich scheinen,

Steht aber doch immer schief darum;

Denn du hast kein Christentum.

Trotz unserer religiösen Differenzen fühlte ich, daß Marie de Y . mir gutwar. Ich meine aber doch, daß ich wohl daran tat, mit ihr keinen ewigenBund zu flechten. Von allen übrigen Gründen abgesehen, war ich für dieEhe viel zu jung, auch zu unreif. Aber es war nicht allein solche verständigeErwägung, die mich von dem lieben Mädchen trennte. Vielleicht dasschönste, jedenfalls das am meisten besprochene Bild von Tizian hängt inder Galerie Borghese in Rom : Auf dem Rande eines Marmorsarkophags,der als Brunnen dient, sitzen zwei Frauen, die eine bekleidet* ernst undsinnend; die andere, nackt, enthüllt herrliche Formen, lächelt rätselhaftund verführerisch. Ein reizender Knabe steckt seinen Arm in den Brunnen.Das Bild ist weltbekannt unter dem NamenAmore sacro e profano.Wenn die zärtlichen Empfindungen, die mich mit Marie de Y. verbanden,durchaus den Charakter des Amore sacro trugen, so kann ich leider nichtdasselbe von meinen Beziehungen zu Mrs. Z. sagen, die dadurch erleichtert

Im Domvon Amiens

Mrs. Z .