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WIEDERSEHEN IM DORF
wurden, daß ihr Gatte den guten Einfall hatte, sich für mehrere Wochenvon Amiens nach seiner schottischen Heimat zu begeben.
Da ich als Platzmajor nicht allzuviel zu tun hatte, unternahm ich häufigSpazierritte in die Umgegend von Amiens . Ich kam nach Bussy, Querrieux,Pont-Noyelles, Daours, wo wir im Winter gcfochten hatten. Ich kam auchnach Camon, zu dem Bauernhaus, wo ich in der Nacht vor der Schlachtan der Ilallue einquartiert war. Im Torweg stand Julie, wie am Morgen des23. Dezember. Sie erkannte mich sogleich und reichte mir die Hand, mitgroßer Ruhe und Unbefangenheit. Ich sah auf den ersten Blick, daß sieguter Hofihung war. Ich frug, oh ich ihr helfen, mich ihr nützlich machenkönne. Ich wäre gern hierzu bereit. Sie schüttelte den Kopf. Sie erzähltemir dann, sie sei seit Monaten verheiratet, mit einem Fermier, einem bravenMann. „II est un peu rüde, mais excellent. II est bon pour moi, il sera bonpour le mioche, que je vais mettre au monde. C’est un bon gars.“ Ich frugsie, ob sie mir böse wäre. Sie schüttelte wieder den Kopf: „Nous avonsfaute tous les deux.“ Ich küßte sie auf die Stirn und ritt weiter, bewegt undin ernsten Gedanken. Das Volk, und namentlich das Landvolk, steht derNatur näher als die Gebildeten. Seine Gefühle sind geradlinig, einfach undgesund. Hier ist der Jungbrunnen, aus dem die überbildete, verbildete, vondes Gedankens Blässe angekränkelte Oberschicht von Zeit zu Zeit neueLebenskraft holen muß, wenn sie nicht verkümmern will.
Am 31. Mai erging an das VIII. Armeekorps der Befehl zum Rück-Bcfehl zum marsch in die Heimat. Zu gleicher Zeit erhielt das Königshusaren-Regi-Rückmarsch m ent eine freilich schon seit langer Zeit gefürchtete und vorhergeseheneNachricht. Wir verloren unsern verehrten und geliebten Kommandeur, dermit der Führung der 21. Kavallerie-Brigade betraut wurde. Der Regiments-befehl, in dem der Oberst von Loe zum letztenmal zum Regiment sprach,schloß: „Ich habe Euch immer und überall in den Stunden der Gefahr unddes Kampfes, trotz Hunger und Anstrengungen, in Kälte und Eis freudigbereit gefunden, mehr zu leisten, als ich von Euch forderte, dafür dankeich Euch beim Abschied aus tiefster Seele. Offiziere, Unteroffiziere undHusaren! Wenn Ihr, hoffentlich nun bald, in unsere teure Heimat zurück-kehrt, wenn Ihr Euch im Kreise Eurer Familien an die glorreichen Tagevon Gravelotte und Boves, von Querrieux und Sapignies, von Bapaume und Saint-Quentin erinnert, dann vergebt Euren Oberst nicht, dessengrößter Stolz es ist, jene Tage mit Euch durchlebt zu haben, der Euchimmer ein treues Andenken bewahren wird.“
Es hätte dieser Bitte des Obersten nicht bedurft. Sein Bild standWalter unauslöschlich in der Brust eines jeden, der unter ihm im Regimentvon Loe unc ] V or dem Feinde stand. Der Freiherr Walter von Loe entstammteeinem alten rheinländischen Adelsgeschlecht, und adlig im besten Sinne