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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE BEIDEN JÖTTER

Herrn von S. sekundieren und warte in Ruhe ab, ob der Erzbischof ihnexkommunizieren würde. Konfessionelle Zänkereien waren ihm zuwider, inder Armee duldete er sie nicht. Er zitierte mit Vorliebe ein Wort des fürseine Originalität bekannten Generals von Petery, der unter FriedrichWilhelm IV. Kommandant von Spandau war. Petery war Katholik, seineFrau war evangelisch. Als die Frau Generalin ihren Gatten frug, in welcheKirche sie an Königs Geburtstag gehen solle, in die evangelische oder diekatholische, erwiderte der würdige Gatte:Zu welchem von die beidenJötter du beten willst, Minna, det is janz jleich, wenn du nur tüchtig fürSeine Majestät betest.

Der Feldmarschall von Loe hat in jeder Richtung einen großen Einflußauf mich ausgeübt. Bei einer der letzten Unterredungen, die er als Regi-mentskommandeur im Frühjahr 1871 vor seiner Abreise nach Frankfurt mit mir hatte, sprach er mir die Hoffnung aus, daß ich bei der Armeebleiben würde. Er empfahl mir, Clausewitz zu studieren.Sein Buch überKrieg und Kriegführung ist für den Soldaten das, was das Corpus juris fürden Juristen, die Bibel für den Theologen ist. Und als ich Reichskanzlergeworden war, meinte er halb im Scherz, halb im Ernst:Als Kriegs-minister oder als Chef des Militärkabinetts hätte ich Sie noch lieber gesehenund am liebsten vorher als Kommandeur unseres alten Regiments.

Am 1. Juni trat unser Regiment unter dem interimistischen KommandoDem des Majors von Dincklage den Rückmarsch nach dem Rhein an. AmRheine zu 4 , Juni schrieb ich meinen Eltern:Es beginnt jetzt der Rückmarsch aufder ganzen Linie, namentlich durch Amiens werden zwei Korps defilieren:das VIII., das zum größten Teile zwischen Abbeville und hier stand, unddas I., das in Rouen und Dieppe disloziert war. Das Oberkommando wirdaufgelöst und statt des Generalkommandos des VIII. Aj-meekorps (GeneralBarnekow) kommt das Generalkommando des I. Armeekorps (GeneralBentheim) hierher. Es ist auf diese Weise für mich hier leidlich viel zu tunund mehr Schreiberei als sonst. Es ist mir der Befehl zugegangen, bis zum7. hujus hierzubleiben und dann dem Regiment nachzugehen. Doch willder General Ruville mit Goeben sprechen, um mich noch ein paar Tagelänger hierzubehalten, zumal das ganze Somme-Departement schwerlichnoch lange besetzt bleiben wird. Es ist mir dies auch ganz recht, wenn ichnur zur rechten Zeit zum Einzug nach Bonn zum Regiment komme. Gefahrist aber nicht, da der Rückzug sicher drei Wochen dauern wird.

General von Barnekow hat mir gelegentlich eine Lektion erteilt, dieEine Lektion nicht nur durchaus berechtigt war, sondern mir auch für mein ganzes Lebennützlich gewesen ist. Ich hatte den General von Ruville und seine Gattinzur Kirche begleitet. Als der Gesang begann, bat mich Frau von Ruville,die ihr Gesangbuch vergessen hatte, ihr ein solches zu besorgen. Ich ging