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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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WANDERUNGEN

nachmittags unsere Regimentskapelle zu spielen pflegte. Und die schönenSommerabende am Rhein im Kleyschen Garten am Koblenzer Tor oder inden anmutigen Anlagen des Hotels Royal, wo wir mit dem Blick auf dendeutschen StromSchorle-Morle tranken, eine köstliche Mischung vonMoselwein und Selterwasser.

Die reizende Umgebung lockte zu ausgedehnten Fußwanderungen wiezu flotten Ritten. Wir bestiegen den hohen Turm der Burg Godesberg, die,auf der Stelle eines römischen Kastells im dreizehnten Jahrhundert von denErzbischöfen von Köln erbaut, später in den Wirren des sechzehnten Jahr-hunderts von bayrischen Truppen erstürmt und zerstört worden war. Weitund schön war die Aussicht von oben auf das Gebirge und die Ebene.Innerhalb des Burgrings von Godesberg lag der friedliche Gottesacker desDorfes. Ich war so eingenommen vom Rhein , daß ich den Wunsch hatte,auf dem Godesberger Kirchhof begraben zu werden. Wir wanderten nachPlittersdorf und aßen dort im Schaumburger Hof vorzüglichen Milchkäse,derMakey hieß. Wir kehrten in Walporzheim ein und stärkten uns imSt. Peter und im St. Joseph an dem berühmt-kräftigen Rotwein. Gernaßen wir in Altenahr bei Winkler in seinem Garten an der AhrRümpchen , kleine, ungekochte, in Essig zubereitete Fische. Und miternsteren Gedanken stiegen wir zur Apollinaris-Kirche empor, die, weithinsichtbar, sich auf steil abfallendem Schieferfels erhebt. Das Haupt desheiligen Apollinaris , des hochverehrten Bischofs von Ravenna, hatte KaiserRotbart einst nach Köln überführen wollen. Als aber, von einer geheimnis-vollen Macht gelenkt, das Schiff mit der kostbaren Reliquie vor Remagen mitten im Rheinstrom stehen blieb, wurde in der Nähe eine Kirche erbautund in dieser die Reliquie ausgestellt. Nahe dem Schauplatz dieser an-mutigen Legende spreizte sich leider das Banale, die Apollinaris -Quelle,deren Wasser der Prinz von Wales, der nachmalige König Eduard VII. , inMode brachte, wie er ja auch den runden Hut, den Homburg-Hat, lancierthat. The Apollinaris Company Limited versandte jährlich viele MillionenFlaschen.

Wir bestiegen den Kreuzberg , von wo man nach Norden das gesamteRheintal überblickt, freundliche Dörfer und Weiler, Bensberg mit seiner imalten Schloß untergebrachten Kadettenanstalt, aus der ausgezeichneteMänner, wie der 1906 verstorbene Arbeitsminister Hermann Budde , her-vorgingen, das Bergische Land und im Hintergrund das große, das heiligeKöln mit dem Ewigen Dom.

Noch herrlicher war die Aussicht vom Drachenfels auf Rheinebene undEifel, der schönste Blick am ganzen Rhein , eine Aussicht, die Childe Haroldfast ebenso sehr entzückte wie Schloß Chillon am Genfer See und St. Peterin Rom: