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ÜBERARBEIT
Nun ging ich an die Arbeit. Die Weisheit der Inder sagt: Wer alles weiß,der ist selig zu preisen, wer nichts weiß, dem kann geholfen werden, weraber nur halb weiß, an dem wird Brahma selbst zum Knecht. Daß dasHalbwissen wie überall so auch in der Politik gefährlich ist, haben nachdem Umsturz unter der Republik nicht wenige improvisierte Ministerbewiesen, denen redlicher Wille und emsiger Fleiß nicht abgesprochenwerden konnte, die aber dennoch in ihren Ämtern versagten. Ich befandmich in Greifswald im zweiten Fall: Ich wußte für mein Examen noch garnichts. Da hieß es alle Kräfte anspannen. Ich stand regelmäßig um fünfUhr früh auf und arbeitete dann in einem Zuge von sechs bis zwölf. Ichaß mit Arenberg und Hartmann an der Table d’höte im DeutschenHaus. Wie 1870 in Bad Oeynhausen, so florierte auch in Greifs-wald die altväterische, gemütliche Table d’höte. Von zwei bis dreibesprach ich mit Arenberg und Hartmann, was ich am Vormittag stu-diert hatte. Ich kann nicht genug die Geduld rühmen, mit der besondersder Kaplan Hartmann Verständnis für die Rechtsgelehrsamkeit undihre für das Examen in Betracht kommenden Fächer bei mir weckteund entwickelte.
Von drei bis fünf Uhr ritt ich spazieren, bei jedem Wetter, auch beiSchneegestöber und Glatteis. Ich hatte meine schöne Rappstute nachGreifswald mitgenommen. Ich ritt meist nach Eldena , einem an derMündung des Flüßchens Ryk gelegenen Ort, der mich weniger durch seineLandwirtschaftsschule anzog als durch die Ruinen eines im DreißigjährigenKriege von den Schweden zerstörten Zisterzienserklosters, von dem einstdie Gründung von Greifswald ausgegangen war. Von Eldena war die Ostsee zu erblicken. Nicht weit von der Landwirtschaftsschule lag ein Hain mitriesigen Buchen, von denen die Greifswalder behaupteten, daß sie imSommer einen prächtigen Anblick böten. Vom winterlichen Spazierritt inmein bescheidenes Quartier zurückgekehrt, machte ich mich wieder an dieArbeit, die ich, nur durch ein frugales Abendbrot unterbrochen, meist bisMitternacht ausdehnte. Um mich wachzuhalten, trank ich starken Tee.Bei zwölf Stunden Arbeit schlief ich kaum fünf Stunden.
Dieser Unfug hatte acht Wochen gedauert, als ich an einem Sonntag,nachdem ich den Gottesdienst in der Marienkirche besucht hatte, derenschöne, aus Holz geschnittene Kanzel im ganzen Regierungsbezirk Stralsund berühmt war, in meinem Zimmer von einer schweren Ohnmacht befallenwurde. Sie trat genau so ein wie fast fünfunddreißig Jahre später meineOhnmacht im Reichstag. Auch die Ursache war die gleiche: zuviel Arbeitbei zuwenig Schlaf. Da ich in Greifswald von der Ohnmacht in meinemStübchen überrascht wurde, nicht vor der Vertretung des deutschen Volkesund dichtgefüllten Tribünen, so wurde kein Aufheben von dem kleinen