IM JURISTISCHEN LABYRINTH
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Zwischenfall gemacht. Ich nahm, nachdem ich mich einige Tage ausgeruhthatte, meine Arbeit wieder auf, gönnte mir aber seitdem wöchentlich zweifreie Abende, an denen ich bei befreundeten Professoren vorsprach, bis-weilen auch mit den charmanten Offizieren des Jäger-Bataillons Billardspielte. Bei dem Pommerschen Jäger-Bataillon Nr. 2 in Greifswald hatteeinst Fürst Bismarck seine Militärpflicht als Einjährig-Freiwilliger ab-solviert, während er gleichzeitig an der landwirtschaftlichen Akademie zuEldena studierte.
Zum Examen bereitete ich mich nach eigener Methode vor. Als Ariadne-faden in dem juristischen Labyrinth diente mir ein Extrakt der Rechts-wissenschaft, dessen Verfasser, wenn ich mich recht erinnere, Bender hieß.
Durch eigenes Nachdenken suchte ich an der Hand dieses schmalenBändchens meinen Weg durch das Gestrüpp der Gesetze und Rechte, diesich, wie der lose Mephisto behauptet, von Geschlecht zu Geschlechte wieeine ew’ge Krankheit fortschleppen. Wenn ich allein nicht weiterkonnte,suchte und fand ich Belehrung bei dem gütigen Kaplan Hartmann. Vonden Professoren der Universität stehen mir noch heute zwei hervorragende ProfessorenDozenten in bester Erinnerung. Der Philologe Wilhelm Studemund warein Mann von ungewöhnlicher Frische und sprudelndem Geist. Wenn erdas Wort ergriff, schwieg alles, an der Table d’höte wie bei einem Abend-kränzchen, um ihm zu lauschen. Er ist später von Greifswald nach Straß-burg und von dort nach Breslau berufen worden, wo er 1889 starb, kaumsechsundvierzig Jahre alt, zu früh für die Wissenschaft, um die er sichdurch die Entzifferung von Palimpsesten des Gajus und des Plautusverdient gemacht hat. Einen noch stärkeren Eindruck machte mir Pro-fessor Ernst Immanuel Bekker. Als ich ihn in Greifswald kennenlernte,war er schon über vierzig Jahre alt. Er ist erst ein halbes Jahrhundertspäter, im Sommer 1916, hochbejahrt aus dem Leben geschieden. In einemDistichenpoem rief ihm Theodor Mommsen zu seinem siebzigsten Geburtstag zu: „Der Epaulett und Talar verstanden mit Ehren zu tragen;welcher kundig des Rechts dennoch Lateinisch versteht; tapfer und klugund beredt, aber den Freunden ein Freund.“ Ernst Immanuel Bekker blickte schon 1872 auf ein bewegtes und interessantes Leben zurück. Sohndes Philologen August Immanuel Bekker, der unter Friedrich dem Großengeboren, erst wenige Tage vor dem Einzug nach dem Siebziger Kriegestarb, war er, nachdem er bei Karl Adolph Vangerow Pandekten gehörthatte, Linienoffizier geworden und erlebte als Adjutant eines Ersatz-Bataillons die Mobilmachung im Jahre 1850. Er pflegte, wenn er davonsprach, hinzuzufügen, daß die Zerfahrenheit und Schwäche der preußischenPolitik jener Tage seine Dankbarkeit und Verehrung für Bismarck, „wennmöglich“, noch erhöhe. Gern hob er dabei hervor, daß die Ehr- und Standes-