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E. I. BEKKER UND DAS ALLGEMEINE WAHLRECHT
begriffe des preußischen Offiziers für seine Lebensanschauung bestimmendgeblieben seien.
Während seiner Militärzeit war er in freundschaftliche Beziehungen zudem Grafen Karl Bismarck-Bohlen getreten und hatte, von diesem ein-geführt, in der Konfliktzeit fast ein Jahr im Auswärtigen Amt unter Ottovon Bismarck-Schönhausen gearbeitet, dem er seitdem in unerschütterlicherTreue und Bewunderung anhing. Das verhinderte ihn nicht, auch dieIrrtümer und Fehler des großen Staatsmannes zu erkennen. Für denverhängnisvollsten dieser Fehler hielt Bekker die Einführung des all-gemeinen Wahlrechts. Er schrieb darüber schon in den siebziger Jahren:„Warten Sie keine hundert Jahre, und alle Welt wundert sich, wie Bismarck ,unser großer, allverehrter Bismarck, so was uns einbrocken konnte. Nun,Bismarck war doch eben auch nur ein Mensch. Und es ist mir noch sehr guterinnerlich, wie mein Freund Karl Bismarck auf meine Bedenken mir sagte,sein großer Vetter habe das auch nur getan der kleinen Fürsten wegen, diesollten jetzt tanzen lernen. Dazu brauche er die Massen, mit denen er dannschon fertig werden würde. Derselbe Rechenfehler wie beim Kulturkampf.“Bekker war ein strammer Konservativer im altpreußischen Sinne, aber denursprünglich eigenen Sinn hat er sich auch von seiner Partei nie raubenlassen. Er fand es begreiflich, daß die Konservativen Bismarck Oppositionmachten, als dieser im ersten Quinquennium nach der Wiedererrichtungdes Reiches wirtschaftlich und politisch liberale Wege einschlug. Aber erbeklagte es tief, daß einzelne konservative Politiker sich gegen den großenMinister zu unwürdigen persönlichen Verdächtigungen hinreißen ließen.Viele Jahre später, 1909, hat Ernst Immanuel Bekker den Widerstand derKonservativen gegen die von mir vorgeschlagene maßvolle Erbschaftssteuerwie gegen die gleichzeitig von mir in Angriff genommene, notwendigeReform des preußischen Wahlrechts „undankbar, überdies unpolitisch“genannt und die üblen Folgen vorausgesehen und vorausgesagt, die diesekonservative Taktik für die konservative Partei selbst und leider auch fürPreußen und Deutschland haben würde.
In Greifswald erlebte ich die Anfänge des Kulturkampfes. AmDer 18. Januar 1872 wurde dort der Jahrestag der ein Jahr vorher erfolgtenKulturkampf Proklamation des deutschen Kaiserreiches mit einem von allen Kreisen derStadt und namentlich den Lehrern der Hochschule besuchten Kommersgefeiert. Im Laufe des Tages war die Nachricht eingetroffen, daß derKultusminister von Mühler seine Entlassung erhalten habe. Der Jubelwar groß. Nun, hieß es, breche ein neuer, schöner Morgen an. Die Sonne derAufklärung und geistigen Freiheit sei für Deutschland aufgegangen. Nurder Kaplan Hartmann schüttelte den Kopf. „Es ist nicht die Kirche“, sagteer zu mir, als wir nach dem Kommers über den Markt mit seinen Giebel-