„WIE SCHADE!”
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häusern am Rathaus vorbei nach Hause gingen, „um die ich mich sorge,sondern es ist unser deutsches Vaterland, für das ich fürchte. Die katholischeKirche hat schon ganz andere Stürme überstanden. Sie wird auch den vonden Liberalen sehr aufgebauschten Streit wegen der Unfehlbarkeit über-dauern. Die Altkatholiken sind eine Handvoll Blätter, die von der Eicheherunterfallen. Das bedeutet nicht viel. Aber für Deutschland gibt es, wieunsere ganze Geschichte lehrt, kaum etwas Gefährlicheres als konfessionellenStreit. Davon wird und kann im letzten Ende nur der Radikalismusprofitieren.“ Der würdige Mann hat recht behalten. Die Freisinnigenjubelten Bismarck zu, als er den Kampf gegen die katholische Kirche aufnahm, ließen ihn aber bald im Stich.
Doch, ach! Schon auf des Weges Mitte
Verloren die Begleiter sich,
Sie wandten treulos ihre Schritte,
Und einer nach dem andern wich.
Ein berühmter Demokrat, Professor Virchow , prägte 1873 in dem vonihm verfaßten Wahlprogramm der Fortschrittspartei das Wort vom„Kulturkampf“. Aber nicht lange nachher schloß der Führer der Fort-schrittspartei, Eugen Richter , wo er nur konnte, Wahlbündnisse mit demZentrum. Die Sozialdemokratie, in allen katholischen Ländern die er-bitterte Feindin der katholischen Kirche, ist in Deutschland , vor demUmsturz und erst recht seitdem, stets bemüht gewesen, dem Zentrum denSteigbügel zu halten, wofür sich das Zentrum gern revanchiert. Wie konnteunser großer Bismarck so irren? Weil er weder den Katholizismus noch dieKurie kannte. Als der kirchenpolitische Kampf sich ankündigte, sagte derkluge, erfahrene, ganz vorurteilslose Staatssekretär Pius’ IX. , KardinalAntonelli, zu einem ihn besuchenden deutschen, protestantischenPrinzen: „Ich verstehe den Fürsten Bismarck nicht. Wie kann dieser großeStaatsmann sich so täuschen ? Uns wird er nichts anhaben. Daß der Papstden Kirchenstaat verloren hat, ist ja sehr traurig, aber wir sind durch diesesuns widerfahrene Unrecht ganz unangreifbar geworden. Wenn sich Bismarck zu einer Maßregelung unserer Geistlichen, zu einer Verfolgung unsererKirche in Deutschland hinreißen läßt, so wird er uns eher nützen. Wirhaben schließlich doch eine gewisse Erfahrung. Wir haben in manchenLändern schon manche Verfolgung erlebt. Wir kennen speziell die deutschen Katholiken sehr genau. Durch Maßnahmen, wie Bismarck sie plant, wirdin Deutschland der Eifer der Gläubigen, ihre Liebe zu ihrem Oberhirten neubelebt, das religiöse Leben nur gekräftigt und vertieft werden. Wie kannein so großer Mann wie Bismarck so irren? Che peccato! (Wie schade!)“Giacomo Antonelli' stammte aus dem Räubemest Sonnino in den Sabiner