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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER REFERENDAR BÜLOW

Bergen. Er war der Sohn eines Rinderhirten. Er besaß den klaren, nüch-ternen, elastischen, realpolitischen Verstand, der die Kurie seit fünfzehn-hundert Jahren durch viele Stürme geführt und der auch das moderneItalien aufgebaut hat, das unser stolzes Bismarcksches Reich überdauerte.

Kurd von Schlözer erzählte mir im Januar 1886, er habe, als er 1882von Bismarck nach Rom gesandt wurde, um den Frieden mit der Kurieanzubahnen, einmal an einem schönen Nachmittag an dem hölzernen Tischeiner Osteria mit einigen ihm befreundeten Prälaten Vino di Orvietogetrunken. Die Prälaten sprühten von Geist und Witz. Da habe er zu ihnengesagt:Ach, wenn unser Bismarck nur ein einziges Mal in seinem Lebenmit euch in der römischen Campagna Vino di Orvieto getrunken undoffenherzig geplaudert hätte, so würde er nicht den Unsinn des Kultur-kampfes gemacht haben. Die Prälaten lächelten, und der älteste Monsignoreklopfte Schlözer auf die Schulter mit den Worten:Questo bravo ministrodi Prussia non e mica un minchione. (Dieser treffliche preußische Ge-sandte ist gar nicht so dumm.) Bismarck war noch weniger einminchioneals Schlözer, aber er hat meist nur ganz verstanden, was er mit seineneigenen Augen gesehen hatte. Abstrakte Vorstellungen, Erzählungenanderer, Lektüre sagten ihm nicht viel. Und dann: Wem gelingt es? TrübeFrage, der das Schicksal sich vermummt! Auch die Allergrößten habengeirrt, haben schwer geirrt, aber sie unterscheiden sich dadurch von denNarren, daß sie nicht im Irrtum verharren, sondern vom Irrtum wieder zurWahrheit reisen, daß sie, um einen Lieblingsausdruck von Bismarck zugebrauchen,wenden können, bevor der Wagen in den Abgrund saust.

Die Erregung, die der Kulturkampf in das öffentliche Leben Deutsch -Das Examen lands brachte, konnte meinen Freund Arenberg und mich nicht in unsererbestanden emsigen Vorbereitungsarbeit beirren. Wir taten unser Bestes und gingenMitte März 1872 zusammen ins Examen. Wie fünf Jahre früher beimAbiturium in Halle und später bei meinem diplomatischen Examenentnahm ich auch dem Verlauf der Greifswalder Prüfung, daß die staat-lichen Examina einen sicheren Maßstab für das Wissen und die Kenntnissedes Examinanden kaum liefern können. Mein lieber Arenberg war einbesserer Jurist als ich. Aber da ich ihm an Schlagfertigkeit, dialektischund eristisch (im Schopenhauerschen Sinne) überlegen war, schnitt ichbesser ab als er. Meine Prüfung durch Professor E. I. Bekker glich mehreiner Disputation als einem Examen. Der große Rechtslehrer, der schonmeine schriftliche Arbeit über eine Frage des Pfandrechts sehr günstigzensiert hatte, stellte beim mündlichen Examen die an mich gerichtetenFragen in so geistreicher und dabei so wohlwollender Form, daß es für michnur darauf ankam, die mir zugeworfenen Bälle mit einiger Geistesgegenwartaufzufangen. In meinem Zeugnis über das bestandene Examen wurde mir