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TSCHOPPE
der immer schärfere Formen annahm. Nie fiel im Kreise der Kameradeneine Äußerung, die einen Andersgläubigen hätte verletzen können. Derevangelische Offizier führte, wenn es der Dienst so mit sich brachte, amSonntag die katholische Mannschaft in den ehrwürdigen Münster, derkatholische die evangelischenHusaren in die schöne, neuerbaute evangelischeKirche. Ich will nicht verschweigen, daß wir Evangelischen unser Hauptverhüllten, wenn wir im Gefängnishof die Kapläne Spazierengehen sahen,die dafür, daß sie die ihnen pflichtgemäß obliegende Messe gelesen hatten,hier ihre Strafe abbüßten. Erreicht wurde durch diesen wenig würdigenKleinkrieg nur, daß der religiöse Eifer des katholischen Bevölkerungsteilesnoch mehr angefeuert wurde. Der kluge Giacomo Antonelli behielt recht.
Am 11. Juni 1872 wurde ich zu den Reserveoffizieren des Regimentsversetzt. Einige Tage später gab mir das Regiment ein Abschiedsessen imKasino, bei dem der Kommandeur, Prinz Heinrich XIII. Reuß, einen sehrgütigen Trinkspruch auf mich ausbrachte. Als wir nach Aufhebung desEssens in dem kleinen Gärtchen vor der Veranda zusammenstanden, hörteich meinen Freund Schräder mit seiner Trompetenstimme erklären: „Ichbleibe dabei, daß Tschoppe noch einmal Reichskanzler wird.“ Tschoppewar der Spitzname, den ich im Regiment trug. Warum ich so genanntwurde, weiß ich nicht mehr und habe es vielleicht nie gewußt. Spitznamenentstehen meist durch Zufall, in der Weinlaune oder durch plötzlicheInspiration. Die Vorsehung hat es weise so eingerichtet, daß der Mensch inseiner Jugend empfänglicher ist für Freud und Leid als im Alter. Bonn undmeinem Regiment Lebewohl zu sagen, wurde mir, wie es mir wenigstensheut erscheint, saurer als spätere Abschiede aus größeren Städten undWirkungskreisen. Ich habe das Kasino meines Regiments und die Stern-torkaserne erst dreißig Jahre später wiedergesehen, als Reichskanzler.
Am Tage nach meinem Abschiedsessen verließ ich Bonn . Es war mir einegroße Freude, daß mein lieber Franz Arenberg mir seine Absicht an vertraute,mit mir nach Metz zu gehen. Wir verabredeten, daß wir uns dort EndeAugust treffen und, wenn möglich, eine gemeinsame Wohnung beziehenwürden. Die Zwischenzeit verlebte ich in Klein-Flottbek in der Elbpark-villa, die ich als entamteter Kanzler im Sommer bewohne. Ich hauste ineinem Zimmer des zweiten Stockes, das jetzt meine liebenswürdigeSekretärin beherbergt, der ich diese Erinnerungen diktiere. Das Zimmer istnicht allzu groß, gewährt aber einen schönen Blick auf die schöne Elbe.In Flottbek , das mir immer als meine eigentliche Heimat erschienen ist,freute ich mich des Zusammenseins mit meinen guten Eltern und studierteunter den ernsten Augen meines Vaters den Leitfaden von Martens. MeinVater kommentierte und erläuterte mir den „Guide diplomatique“. Ichkonnte mir keinen besseren Mentor wünschen. Bismarck wußte, warum er