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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DERGUIDE DIPLOMATIQUE

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Hofmarschall in Sigmaringen . Sic eunt fata hominum, ach gingen sie dochnicht so krumm, heißt es nicht mit Unrecht in einem alten BülowschenStammbuch unter einer Zeichnung, die eine Zickzacklinie darstellt.

Nach der ihm von Herrn von Thile gewordenen Orientierung hatte meinVater an meinen Kommandeur, den Prinzen Heinrich XIII. Reuß, ge- Ein Jahrschrieben, daß er um meine Überführung zu den Offizieren der Reserve nac h M etbitte, und im gleichen Sinne mit dem Chef des Militärkabinetts, demGeneral von Albedyll, gesprochen. Mein Vater drückte mir den Wunschaus, daß ich, dem Rate des Unterstaatssekretärs von Thile folgend, zu-nächst ein Jahr in Metz beim Landgericht und beim Bezirkspräsidiumarbeiten möge. Er habe mich zum diplomatischen Dienst bestimmt undsehe mit Herrn von Thile in der für mich in Aussicht genommenen Tätigkeitin Metz die beste Vorbereitung für meinen künftigen und endgültigenBeruf.Ich glaube zwar gern mit deinem von mir sehr geschätzten Gönner,dem General Loe, daß du mit der Zeit einen schneidigen Husarenoherstahgeben würdest, meine aber doch, alles in allem, daß die diplomatischeLaufbahn dir am meisten liegt. Du weißt, wie lieb ich dich habe. Du weißtauch, daß ich mit siebenundfünfzig Jahren und als ein Mann, der wieOdysseus vieler Menschen Städte sah und Sitten kennenlernte, einigeLebenserfahrung besitze. Ich habe mir die Sache reiflich überlegt. Es bleibtbei Metz. Wenn Fürst Bismarck dich nach einem Jahr nimmt, dann Glückauf für das Auswärtige Amt und die diplomatische Karriere. Gleichzeitigschenkte mir mein Vater denGuide diplomatique von Martens. MeinVater war ein Bibliophile und hatte denGuide diplomatique in Lederschön einbinden lassen.Gerade in der Diplomatie, fuhr er fort,lerntman durch das Leben mehr als durch Bücher. Aber wer ein Künstler werdenwill, und die Diplomatie ist, merke dir das, keine Wissenschaft, auch leiderkein Zweig der Ethik, sondern eine Kirnst, der muß auch die Technik seinesBerufes beherrschen. Dazu soll dieses Buch dir dienen.

Mit meinem Martens bewaffnet, trat ich die Reise nach Bonn an, woich nur noch sechs Wochen Husarenleben vor mir hatte, die ich wie den Abschiedletzten Schluck eines guten Weines doppelt genoß. Unter Galen, der ein von Bonn ausgezeichneter Reiter war, wurde flott exerziert und jeden Tag durch denSprunggarten gegangen. Die Felddienstübungen erschienen mir hoch-interessant. Die Schnitzeljagden liebte ich fast noch mehr. Das Leben imKameradenkreise behagte mir ungemein. Ich habe später die Klubs vonBerlin und Wien, von Athen und Bukarest, von St. Petersburg, London und Rom kennengelemt. In keinem Klub der Welt habe ich mich so wohlgefühlt wie in unserem bescheidenen Kasino in der Sterntorkaserne. Inkeiner Gesellschaft konnte eine schönere Harmonie herrschen als inunserem Offizierkorps. Daran änderte auch der leidige Kulturkampf nichts,

18 Bülow IV