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BÜLOW ALS OFFIZIALVERTEIDIGER
des alten Obrigkeitsstaates gelehrt hätte, das in allen Zweigen der Staats-verwaltung Mustergültiges geleistet und in den Jahren des Umsturzesdurch Selbstverleugnung und pflichttreue Hingabe an den StaatsgedankenReich und Länder vor dem völligen Zusammenbruch gerettet hat.
Unter den Rechtsanwälten am Landgericht Metz war eine viel diskutierte,aber nicht uninteressante Persönlichkeit der Advokat Pistor. Als jungerMensch hatte er sich 1849 am Pfälzer Aufstand beteiligt, war nach dessenNiederwerfung über die französische Grenze nach Metz gegangen und hattesich dort als Franzose naturalisieren lassen. Sein Sohn war französischerOffizier und leidenschaftlicher Franzose geworden, der sich im Deutsch -Französischen Krieg hervorgetan hatte und seitdem eine höhere Stellungim französischen Nachrichtendienst bekleidete, wo er schon durch seineBeherrschung der deutschen Sprache Vorzügliches geleistet haben soll. Diefranzösische Polizei ist nach meinem Dafürhalten von Fouche bis zu Pietriund von diesem bis heute die beste, findigste und energischste Polizei derWelt. So war auch von jeher das Spionagewesen in Frankreich hervor-ragend organisiert. Wir sind im Nachrichtendienst wie im Spionieren undauch was die Propaganda in anderen Ländern betrifft, mit den Franzosenverglichen Stümper, wie sich das im Weltkrieg traurig gezeigt hat. Währendder Sohn Pistor am Rhein spionierte, wo er einmal in Gesellschaft desGenerals Miribel von unseren Militärbehörden abgefaßt wurde, plädierteder Vater seelenruhig am Landgericht in Metz.
Als ich ihm im Winter 1872/73 auf der Esplanade begegnete, frug er mich,Plädoyer ob ich Lust hätte, vor den Geschworenen zu plädieren. Er sei gern bereit,vor den m jj eine Sache anzuvertrauen, in der er als Offizialverteidiger bestellt sei.
Geschworenen j) er p a jj ü e g e freilich so gut wie hoffnungslos. Ein bayrischer Landstreicherhabe einen lothringischen Landwirt erschlagen, der ihn aus seinem Gartenausgewiesen habe, wo er Apfel stahl. Lothringische Geschworene würdendiesenVorgang kaum nachsichtig beurteilen. Es müsse auch in französischerSprache plädiert werden. Ich erklärte mich gern bereit, die Verteidigung zuübernehmen. Im Laufe des Abends wurde mir der Dossier zugestellt. Ichlas das dicke Aktenstück aufmerksam durch und strich alles, was sich zurVerwertung für die Verteidigung eignete, rot, was gegen meinen Klientensprach, blau an. Dann legte ich mich früher als gewöhnlich schlafen, umam nächsten Morgen frisch zu sein.
Der Zweite Staatsanwalt plädierte auf Totschlag unter erschwerendenUmständen, also auf Zuchthaus. Er sprach fast nachlässig, da die Ver-urteilung des deutschen Angeklagten durch die französischen Geschworenenihm ohnehin völlig sicher erschien. Als ich das Wort erhielt, ging ich sofortzum Angriff über: „Le procureur de l’Empereur vous a raconte les faits ä samaniere, comme les comprend l’accusation. Je retablirai la verite comme