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DIE ARENBERGS
Marche-les-
Dames
Eltern in Marche-les-Dames bei Namur zu verleben. Man konnte sichkaum ein freundlicheres Heim denken als Marche-les-Dames und sicherlichkeinen harmonischeren Familienkreis als den Arenbergschen. Der Vater,Prinz Anton Arenberg, erinnerte in Gesichtsschnitt, Ausdruck und Haltungan die Porträts, die van Dyck im siebzehnten Jahrhundert von Fürsten undAdligen gemalt hat. Jeder Zoll ein Herr! Dem adligen Äußern entsprachdie innere Noblesse. Er war von größter Einfachheit, echter Liebenswürdig-keit, einer sich nie verleugnenden Höflichkeit gegen jedermann. Als ich mitihm und seinen Söhnen an einem schönen Frühlingsmorgen am Ufer derMaas spazierenging, war der Leinpfad, auf dem wir wandelten, mit Arbeiternbesetzt, die angelten. Bei jedem Arbeiter zog der Prinz Anton Arenberg denHut und bat mit immer gleicher Courtoisie um Entschuldigung, wenn erstöre. Er besaß die „politesse du cceur“, ohne die Name und Rang wenigbedeuten.
Die Prinzessin Maria Ghiselaine von Arenberg, geborene Gräfin Merode,war eine Frau von Geist und Willenskraft. Sie hatte in jungen Jahrenmehrere Winter in Wien verlebt. Ihre Schwiegermutter war eine PrinzessinLobkowitz , zwei Brüder ihres Gatten hatten im österreichischen Heer ge-dient und Österreicherinnen geheiratet, der eine, Prinz Josef, eine Prin-zessin Liechtenstein , die Schwester der genialen Fürstin Elisa Salm, derlangjährigen Freundin meiner Frau, der andere, Prinz Karl, eine GräfinHunyady, die Witwe des Fürsten Michael III. von Serbien .
Diese verwandtschaftlichen Beziehungen hinderten die Prinzeß AntonArenberg nicht, sich über die Ungebildetheit und Oberflächlichkeit derösterreichischen Aristokratie frei zu äußern. Fiakerwitze, so erzählte sie mir,bildeten das bevorzugte Thema der Konversation in den hohen und höchstenKreisen. Ein besonders populärer Fiakerkutscher hatte Schwan geheißen,und Wortspiele, die sich um die Verwechslung von „Schwanerl“ und„Schweinerl“ drehten, hätten Lachsalven hervorgerufen. „On ne respectepas l’esprit en Autriche“, meinte sie, „et un pays oü on ne respecte pasl’esprit est un pays qui baisse.“ Sie erzählte mir, daß sie in Wien mit Vorliebedie herrlichen Aufführungen im Burgtheater besucht habe, besonders gern,wenn der „Faust“ gegeben wurde. Wenn sie auch nicht geläufig Deutsch spreche, so verstehe sie es doch hinreichend, um, das Textbuch in der Hand,einer Theateraufführung folgen zu können. Da habe sie konstatiert, daß inWien regelmäßig die Szene ausgelassen wurde, wo Mephistopheles von demguten Magen der Kirche spricht, die ganze Länder aufgefressen und sich dochnie übergessen habe und die allein ungerechtes Gut verdauen könne.. Aufihre Frage sei ihr gesagt worden, daß dieser Passus, als unpassend, nichtrezitiert werden dürfe. „Voyez-vous“, meinte sie dazu, „voilä un delitde lese-esprit. Certes, je suis tres bonne catholique, mais on ne sert ni