DAS REICHSLAND
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Ich habe beide, Arnim wie Eulenburg, mehrfach bei Dienstreisen be-gleitet. Die Bezirkspräsidenten wurden überall in Lothringen nicht nurkorrekt, sondern mit fast demonstrativer Freundlichkeit empfangen. Inallen Dörfern standen die Schulkinder am Eingang des Ortes aufmarschiertund schrien, immer in dem gleichen Rhythmus: „Vive Monsieur le Pre-sident de la Lorraine!“ Als ich einmal einem Schullehrer mein befriedigtesErstaunen über diese loyale Haltung ausdrückte, meinte er ganz harmlos:„Monsieur, autrefois nous avons crie: ,Vive Monsieur le Prefet de laMoselle! 4 Aujourd’hui nous crions: ,Vive Monsieur le President de la Lor-raine! 6 Au fond cela revient au meme. Nous respectons l’autorite.“ Derfranzösische Präfekt hat unter dem Empire wie unter der Republik immerregiert, d. h. geführt, mit fester und, wo es sein mußte, mit harter Hand.Gegenüber politischer Opposition verstand er keinen Spaß und griff nötigen-falls kräftig zu. Aber seine Formen waren immer weltmännisch, „une mainde fer sous un gant de velours“, wie es der große Napoleon empfahl.
Verwaltet wurde das Reichsland in deutscher Zeit zweifellos besser alsvorher und nachher in französischer. Die Fehler, die im Reichsland von Elsaß- deutscher Seite begangen wurden, erfolgten in der Zentrale, und zwar Lothringen sowohl in Straßburg wie in Berlin. In Straßburg haben der Wirkliche Ge-heime Rat von Möller, der Fürst Chlodwig Hohenlohe und der Fürst KarlWedel ihre Sache am besten gemacht. Der im übrigen hochbegabte, inanderen Stellungen hervorragend bewährte Feldmarschall Manteuffel,der unbedeutende Fürst Hermann von Hohenlohe-Langenburg und dernicht viel bedeutendere Herr von Dallwitz schnitten schlecht ab. Hat FürstBismarck gut daran getan, nachdem wir die uns in der Zeit unseres tiefstenVerfalls von den Franzosen geraubten westlichen Provinzen zurück-genommen hatten, Elsaß-Lothringen als Reichsland zu konstituieren? Ichmöchte nicht in den Fehler der „vaticinatio ex eventu“ verfallen. Wer wieich nach dem Weltkrieg oft im Ausland geweilt und viel mit Ausländernverkehrt hat, weiß, welchen Spott uns solches Besserwissen ex post beiklügeren Fremden eingetragen hat, wie lächerlich es uns macht. Überweltfremde und aufgeblasene „Historiker“ vom Schlage Hans Delbrücks,die mit einem nur bei uns erlaubten Doktrinarismus breit und schwer-fällig auseinandersetzen: wenn bei uns so operiert worden wäre, wie diesnachträglich in seinem Studierzimmer, die Brille auf der Nase und dielange Pfeife im Mund, der Herr Professor X. oder der Herr Doktor Y.sich ausdenken, wäre alles besser gekommen, lacht das Ausland. Und ammeisten lacht, wer den Herrn Professor X. und den Herrn Doktor Y. kennt,die in der Praxis sofort versagen würden, die weder die Nerven, noch denKopf, noch die Hand hätten, um auch nur den bescheidensten politischenPlan durchzuführen, den einfachsten diplomatischen Auftrag zu erledigen.