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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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ALEMANNIEN

Und doch hat Schiller gesagt, daß die Gedanken leicht beieinander wohnen,die Sachen aber sich hart im Raume stoßen. Und doch hat uns HeinrichHeine die reizende Anekdote von den drei Malern erzählt, die ein Kamelmalen wollten. Der Engländer reist nach Afrika , um das Schiff der Wüstean Ort und Stelle abzukonterfeien. Der Franzose fährt nach dem Zoologi-schen Garten, um dort ein Modell zu finden. Der Deutsche konstruiert dasKamel aus der Tiefe seines sittlichen Bewußtseins.

Ich will weder diesem deutschen Maler gleichen, noch auch meinerseitsin die Plattheit der Divinatio ex post verfallen, darf aber wohl folgendessagen: Als Fürst Bismarck das Reichsland ins Leben rief, überschätzte er,wie auch bei einigen anderen Gelegenheiten, die politischen Fähigkeiten derDeutschen und die Stärke ihres Nationalgefühls. Er rechnete nicht damit,daß die deutschen Parteien, statt Hand in Hand ihr gemeinsames Be-streben darauf zu richten, uns Elsaß und Lothringen geistig und seelischwieder zu assimilieren, nur darauf bedacht sein würden, in gegenseitigemKampf und mit allseitiger Gleichgültigkeit für nationale Gesichtspunkte,jede für sich, in den neuen Gebieten möglichst gute Geschäfte zu machen.Es gelang auch den beiden stärksten deutschen Parteien, dem Zentrum undden Sozialisten, in den Reichslanden eine gewisse Anzahl Sitze für sich zuerobern. Als die Franzosen an den Rhein zurückkehrten, wurden in dendrei zum Leben erweckten Departements des Haut-Rhin, des Bas-Rhinund der Moselle der Gesichtspunkt der französischen Einheit, derFranceune et indivisible, in den Vordergrund gestellt. Alles in allem wären wirvielleicht doch weitergekommen, wenn unser großer Steuermann, wie diegute und hebe Fürstin Johanna Bismarck ihren Gatten nannte, aus Loth-ringen eine preußische Provinz gemacht hätte mit Metz als Hauptstadt,unter Angliederung des Regierungsbezirkes Trier, das Elsaß aber mit Baden zu einem Königreich Alemannien vereint hätte, unter Verlegung der Haupt-stadt und Residenz von Karlsruhe nach Straßburg , unter gleichzeitiger Er-leichterung und Pflege der Verbindungen und des Verkehrs zwischen Karls-ruhe und dem Hagenauerland, Straßburg und Baden-Baden, Wildbad undStuttgart, zwischen Kolmar und Freiburg, Mülhausen und dem südlichenBaden .

Als mir im Sommer 1873 mein Hals wieder zu schaffen machte, suchteKur in ich den Molkenkurort Heiden im Schweizer Kanton Appenzell-Außer-Reichenhall rhoden auf. Die Lage von Heiden ist reizend, der Blick auf das SchwäbischeMeer, den Bodensee, herrlich. Aber ich langweilte mich dort so sehr, daßich beschloß, nach dem bayrischen Bade Reichenhall überzusiedeln, wo ich,gleichfalls in prächtiger Umgebung, im Achselmannsteinbade Molken trankund Sole badete. Ich fand dort außer meinem RegimentskameradenNimptsch und seiner Mutter und seinen liebenswürdigen Schwestern einen