ALTE HERREN
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ausgesuchten Kreis bejahrter preußischer Diplomaten. Bei den Festen derSpartaner sang der Chor der Alten: „Was ihr seid, das waren wir.“ DieJungen antworteten: „Was ihr geworden seid, das wollen wir werden.“Nun, wenn ich den Grafen Heinrich Redern , den Freiherrn Karlvon Werther, den Grafen Guido von Usedom vor mir sah, so fühlteich im Gegensatz zu den jungen Spartanern kein besonderes Verlangen,diesen Alten nachzueifern.
Der Beste unter ihnen war der Baron Werther. Er war der höflichste,korrekteste, friedfertigste aller Menschen, und doch wollte sein Unstern,daß Krieg ausbrach, wo immer er als preußischer Gesandter gewirkt hatte.Er war Gesandter in Kopenhagen , als die Schleswig-Holsteinische Fragezum Kriege zwischen Preußen und Dänemark führte. Nach Wien gesandt,erlebte er dort den Ausbruch des Krieges von 1866. Als er von Wien nachParis versetzt wurde, kam der Deutsch -Französische Krieg. Der „Kladde-radatsch“ nannte Herrn von Werther deshalb den „Sturmvogel“. Jeden-falls war er ein Sturmvogel, der gar nichts Stürmisches an sich hatte. Erwar in keiner Weise verbittert, räsonierte im Gegensatz zu Usedom auchnicht auf Bismarck , der Herrn von Werther einige Jahre später wieder an-stellte und als Botschafter nach Konstantinopel sandte. Kaum war er dortangelangt, als der Russisch-Türkische Krieg ausbrach. Er war wirklich einSturmvogel.
Dem Grafen Heinrich Redern , dessen ich bereits ausführlicher gedachte,durfte ich zuhören, wenn er in der Art des Nestor, der den hell umschientenAchaiern von den Heldentaten seiner Jugend erzählt, hier und da Erinne-rungen aus seiner diplomatischen Laufbahn zum besten gab. Mit Vorhebezitierte er einen Brief, den er um die Zeit des Krimkrieges aus Turin anden damaligen preußischen Minister des Äußern, Herrn von Manteuffel,gerichtet hatte. Der gute Heinrich Redern wünschte von seinem jungenZuhörer bestätigt zu hören, mit welchem Adlerblick er vor anderen diepolitische Zukunft des Grafen Cavour vorausgesehen habe. Sein Brief anden Minister Manteuffel hatte etwa folgendermaßen gelautet: „Monsieurle Baron, j’ai l’honneur d’attirer l’attention ßclairee de votre Excellence surle premier Ministre de Sa Majeste le roi de Sardaigne, le comte CamilloBenso di Cavour. Malgre ses idees an peu trop liberales, Monsieur de Cavourest un homme fort distinguö et qui merite la faveur dont il jouit auprös deson auguste maitre. Agreez avec l’assurance de ma plus haute considerationl’expression de mes sentiments respectueusement devouös.“ Die politischenBerichte der preußischen Diplomaten wurden bis zum Amtsantritt desHerrn Otto von Bismarck-Schönhausen in französischer Sprache abgefaßt.
Usedom war mit einer Engländerin verheiratet, Miß Olympia Malcolm,der Tochter des Gouverneurs von Bombay, deren gewaltiger Leibesumfang